Viele Patient*innen berichten, dass ihre Beschwerden in der Arztpraxis nicht ernst genommen werden. In sozialen Medien wird dafür zunehmend ein Begriff verwendet: Medical Gaslighting. Eine Folge des Wissenschaftspodcasts Wissen Weekly greift diese Debatte auf – anhand der Erfahrungen einer Patientin mit Endometriose.
Medical Gaslighting: Glauben wir unseren Patient*innen zu selten?
Der Podcast „Wissen Weekly“ beschäftigt sich regelmäßig mit aktuellen Themen aus Wissenschaft, Medizin und Gesellschaft. In den rund 20- bis 30-minütigen Folgen greifen Journalist*innen Studien, gesellschaftliche Trends und aktuelle Debatten auf und ordnen sie verständlich ein.
In der Episode „Medical Gaslighting: Warum glauben uns Ärztinnen nicht?“ steht die Geschichte einer Patientin mit Endometriose im Mittelpunkt. Sie berichtet von jahrelangen Schmerzen, wiederholten Arztbesuchen – und davon, dass ihre Beschwerden zunächst nicht ernst genommen wurden.
Podcast-Folge anhören: „Medical Gaslighting: Warum glauben uns Ärzt*innen nicht?“ von „Wissen Weekly“
Der Begriff Medical Gaslighting wird in diesem Zusammenhang häufig verwendet. Streng genommen ist er jedoch ungenau. „Gaslighting“ bezeichnet ursprünglich eine gezielte Manipulation, bei der Menschen systematisch dazu gebracht werden, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. In der Medizin geschieht dies meist nicht bewusst. Fachleute sprechen deshalb eher von Medical Invalidation: Beschwerden werden relativiert, vorschnell psychologisiert oder nicht ausreichend abgeklärt.
Trotzdem hat sich der Begriff „Medical Gaslighting“ im öffentlichen Diskurs etabliert – und beschreibt für viele Patient*innen das Gefühl, mit ihren Symptomen nicht ernst genommen zu werden.
Zwischen Zeitdruck und Rollenwandel
Die Podcastfolge macht allerdings auch deutlich, dass solche Situationen selten auf fehlende Empathie einzelner Ärzt*innen zurückzuführen sind. Häufig spielen strukturelle Faktoren eine Rolle.
Im Praxisalltag stehen viele Ärztinnen und Ärzte unter erheblichem Zeitdruck. Für Gespräche bleiben oft nur wenige Minuten – gleichzeitig erwarten Patient*innen eine sorgfältige Einordnung ihrer Beschwerden, verständliche Erklärungen und empathische Kommunikation.
Hinzu kommt ein Wandel im Rollenverständnis. Lange dominierte das Bild des „Arztes als Autorität“, der Entscheidungen trifft und Diagnosen vorgibt. Heute wünschen sich viele Patient*innen eine partnerschaftliche Kommunikation und möchten stärker in Entscheidungen eingebunden werden.
Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das eine anspruchsvolle Balance:
- Wie viel Empathie ist im Gespräch möglich – und notwendig?
- Wie offen sollte man diagnostische Unsicherheiten kommunizieren?
- Und wie lässt sich vermeiden, dass eine vorsichtige Einschätzung als Bagatellisierung wahrgenommen wird?
Gerade bei komplexen oder unspezifischen Symptomen ist diese Gratwanderung besonders schwierig.
Unser Fazit
Der Begriff Medical Gaslighting ist zugespitzt – und trifft den medizinischen Alltag nur teilweise. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Perspektive der Patient*innen. Die Podcastfolge zeigt eindrücklich, wie ärztliche Kommunikation wahrgenommen werden kann – insbesondere dann, wenn Diagnosen lange dauern oder Symptome schwer erklärbar sind. Für Ärztinnen und Ärzte kann sie deshalb eine interessante Erinnerung sein: Gute Medizin beginnt nicht nur mit der richtigen Diagnose – sondern oft mit einem Gespräch, in dem Patient*innen das Gefühl haben, wirklich gehört zu werden.
Quellen
The New York Times
Span, Paula. When Doctors Dismiss Symptoms, Patients May Feel ‘Gaslighted’.
The New York Times, 28. März 2022.
https://www.nytimes.com/2022/03/28/well/live/gaslighting-doctors-patients-health.html
Universität Freiburg / Université de Fribourg – Research Group MH
Research Group „Medicine and Humanities / Health Communication“
https://www.unifr.ch/med/de/research/group/mh/