Blue Zones gelten als Sinnbild außergewöhnlicher Langlebigkeit. Doch während viele dieser Regionen ihren Vorsprung verlieren, rückt nun mit Bolotana ein kleines sardisches Bergdorf in den Fokus der Forschung. Insbesondere Frauen erleben dort bemerkenswert häufig ihren 100. Geburtstag. Dank lückenlos geprüfter Registerdaten könnte die Gemeinde zu den weltweit aussagekräftigsten Modellen für gesundes Altern und extreme Langlebigkeit zählen.
Neue Blue Zone in Sardinien: Frauen in Bolotana erreichen das 100. Lebensjahr dreimal häufiger
Exzeptionelle Langlebigkeit in geografisch eng umschriebenen Regionen – den sogenannten Blue Zones – beschäftigt die Forschung seit gut 2Jahrzehnten, als die sardische Longevitätszone erstmals beschrieben wurde. Seither gelten Okinawa (Japan), Sardinien (Italien) und Nicoya (Costa Rica) als Paradebeispiele. Doch neuere Analysen trüben das Bild: Der Langlebigkeitsvorteil dieser Regionen scheint zu schrumpfen,
- weil andere Bevölkerungen in ihrer Lebenserwartung aufholen,
- weil die Sterblichkeitsraten im sehr hohen Alter weltweit langsamer zurückgehen als in früheren Jahrzehnten oder
- weil jüngere Geburtskohorten unter veränderten Lebens- und Ernährungsbedingungen aufgewachsen sind und das Langlebigkeitsprofil der älteren Generationen nicht mehr reproduzieren.
Bolotana rückt in den Fokus der Longevitätsforschung
Vor diesem Hintergrund lenkt eine neue Studie den Blick auf einen bislang wenig beachteten Ort: Bolotana, eine kleine Bergkommune im zentralsardischen Marghine-Gebiet. Mit rund 2266 Einwohnern liegt sie etwa 110 km von der ursprünglichen sardischen Blue Zone entfernt – und rückte nun selbst als mögliche Trägerin eines außergewöhnlichen Überlebensprofils in den Fokus des Forschungsteams um assoc. Prof. Giovanni Mario Pes, Sassari (Italien).
Validierte Zivil- und Pfarrregister als Datenbasis
Die Datenbasis bildeten validierte Zivil- und Pfarrregister. Für den Hauptbeobachtungszeitraum 2021–2025 berechneten die Forscher 2 zentrale Kennzahlen: die verbleibende Lebenserwartung ab 70 Jahren (e70) und die Wahrscheinlichkeit, vom 70. bis zum 100. Lebensjahr zu überleben [S(70→100)]. In die Auswertung flossen insgesamt 3138 Personenjahre und 149 Todesfälle ein.
19 Menschen erreichten die 100-Jahres-Marke – fünf Männer und 14 Frauen, von denen 6 den Beobachtungszeitraum noch lebend abschlossen. Für alle Hundertjährigen lagen offizielle Geburtsurkunden vor; 97% der erfassten Todesfälle wurden zusätzlich anhand von Pfarrarchiven überprüft.
Take-Home-Message
Jede einzelne Person, die in Bolotana das 100. Lebensjahr erreicht hat, lässt sich lückenlos verifizieren – ohne jede Ambiguität.
Als Vergleich zogen die Autoren die Provinz Nuoro, Sardinien und Italien insgesamt heran – ergänzt um Daten aus den 14 Gemeinden der ursprünglichen sardischen Blue Zone sowie internationale Referenzwerte der Human Mortality Database (HMD).
Besonders Frauen mit außergewöhnlicher Langlebigkeit
Im Primärzeitraum 2021–2025 lebten Männer in Bolotana nach dem 70. Geburtstag im Schnitt noch 16,02 Jahre – ein Wert, der kaum über dem regionalen Durchschnitt lag. Anders das Bild bei den Frauen: Sie kamen auf durchschnittlich 20,85 weitere Lebensjahre nach dem 70. Geburtstag und übertrafen damit die Vergleichswerte aus der Provinz Nuoro (18,61 Jahre), ganz Sardinien (18,40 Jahre) und Italien insgesamt (18,06 Jahre) deutlich.
Noch eindrücklicher wird der Unterschied beim Blick auf die Hundertjährigen: 13,83% der Bolotanerinnen, die ihren 70. Geburtstag feierten, erlebten auch ihren 100. – gegenüber 4,33% in Nuoro, 4,43% in Sardinien und 3,54% in Italien. Im weltweiten Vergleich mit den Referenzdaten der Human Mortality Database rangierte Bolotana bei beiden Kennzahlen auf Platz 2, knapp hinter Hongkong. Zum Vergleich: In den USA schafft nur etwa eine von 28 Frauen den Sprung vom 70. auf das 100. Lebensjahr – in Bolotana ist es fast jede siebte.
Robuste Daten, stabile Ergebnisse
Die Ergebnisse erwiesen sich als methodisch robust: Zwei unabhängige statistische Verfahren lieferten nahezu identische Werte. Auch als die Forscher den Beobachtungszeitraum auf 2020–2025 ausweiteten und damit das erste COVID-19-Jahr einschlossen (COVId: Corona Virus Disease), blieb der weibliche Überlebensvorteil bestehen – die Kennzahlen gingen lediglich leicht zurück (e70: 20,37 Jahre, S(70→100): 12,48%).
Ein anderes Bild ergab sich für den Zeitraum 2015–2019: Hier war der Effekt deutlich schwächer. Die verbleibende Lebenserwartung ab 70 lag bei Frauen bei 18,30 Jahren, und nur 1,46% erreichten das 100. Lebensjahr. Der Langlebigkeitsvorteil ist damit real, aber nicht über alle Zeitfenster hinweg gleich stark ausgeprägt.
Über die Periodendaten hinaus berechneten die Autoren außerdem einen sogenannten Extreme Longevity Index (ELI) – eine Kennzahl, die erfasst, wie viele der in einem Ort Geborenen tatsächlich 100 Jahre alt werden. Von 3060 in Bolotana geborenen Personen der Jahrgänge 1900–1925 erreichten 38 die Hundertjahresmarke. Das entspricht 1242 Hundertjährigen pro 100.000 Lebendgeborenen – verglichen mit 793 im italienischen Durchschnitt ein beachtlicher Vorsprung.
Take-Home-Message
Die Gemeinde verfügt über ein einzigartiges historisches Archiv, das eine eindeutige Bestimmung von Geburts- und Sterbedaten ermöglicht – und macht Bolotana damit zu einem seltenen Glücksfall für die Longevitätsforschung.
Langlebigkeit mit historischen Wurzeln
Auffällig ist das geschlechtsspezifische Muster: In der ursprünglichen sardischen Blue Zone waren es historisch die Männer, die besonders alt wurden – der Abstand zwischen den Geschlechtern war vergleichsweise gering. In Bolotana dreht sich das Bild um: Hier sind eindeutig die Frauen im Vorteil.
Warum das so ist, bleibt offen. Die Studie selbst liefert keine Antwort darauf – die demografischen Daten allein können das nicht erklären. Als mögliche Faktoren nennen die Autoren
- genetische Veranlagung,
- mediterrane Ernährung mit überwiegend lokal angebauten Lebensmitteln, unter anderem Olivenöl, das reich an gesättigten Fettsäuren ist,
- körperliche Bewegung in einer sehr fußgängerfreundlichen Gemeinde mit steilen Straßen und Hügeln sowie
- enge Familien- und Gemeinschaftsstrukturen und kaum soziale Isolation.
Belegt ist davon bislang nichts.
Ein natürlicher Modellfall für die Altersforschung
Die Forscher selbst zeigen sich dennoch beeindruckt. In der begleitenden Pressemitteilung erklären sie, Bolotana weise eine Kombination aus hoher Langlebigkeit, zuverlässigen historischen Aufzeichnungen und einem klaren geografischen Profil auf – Eigenschaften, die eine seriöse wissenschaftliche Einordnung erst möglich machen. Prof. em. S. Jay Olshansky, Chicago (Illinois; USA), der Hauptautor der Studie, fasst es direkt zusammen: „Wir glauben, dass dies die am längsten lebende weibliche Bevölkerung der Welt ist – oder zumindest annähernd.“
Take-Home-Message
Gelingt es, die Merkmale hinter dieser Langlebigkeit zu identifizieren und übertragbar zu machen, kann der Rest der Welt von den Werten und Praktiken solcher Gemeinschaften profitieren.
Die Erstellung dieser Zusammenfassung erfolgte unterstützt durch KI-basierte Prozesse, die finale redaktionelle Verantwortung liegt bei unserer Redaktion.