Steigende Diabeteszahlen gelten weltweit fast schon als Naturgesetz. Mauritius zeigt nun das Gegenteil: Als erstes Land weltweit konnte die Inselnation anhand von Langzeitdaten und dem WHO-Goldstandard oGTT nachweisen, dass die Prävalenz von Typ-2-Diabetes und Prädiabetes tatsächlich zurückgehen kann. Hinter der Entwicklung stehen konsequente Prävention, bessere Früherkennung und eine langfristige Gesundheitspolitik mit messbarem Erfolg. Die auf dem EASD 2026 präsentierten Daten machen Hoffnung für alle Länder, die mit den humanen und ökonomischen Folgen des Typ-2-Diabetes kämpfen.
Mauritius kehrt die Typ-2-Diabetes-Epidemie um – als erstes Land weltweit
Als weltweit erstes Land kann die Inselnation Mauritius belegen, dass sich die Typ-2-Diabetes-Epidemie umkehren lässt – und das anhand des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen diagnostischen Goldstandards, des oralen Glukosetoleranztests (oGTT). Für die Autoren um Prof. Jaakko Tuomilehto, Helsinki (Finnland) ist das ein ermutigendes Signal für alle Länder, die mit den enormen humanen und ökonomischen Folgen des Typ-2-Diabetes kämpfen. Denn die weltweite Prävalenz steigt seit Jahrzehnten – robuste Langzeitdaten aus Bevölkerungssurveys mit konsistenter Methodik sind jedoch rar.
Der Erfolg liegt auch an der Methodik: Alternative Verfahren wie die alleinige Bestimmung der Nüchternglukose oder des HbA1c-Werts unterschätzen die tatsächliche Krankheitslast systematisch, weil isolierte postprandiale Hyperglykämien übersehen werden. Mauritius hat Typ-2-Diabetes und intermediäre Hyperglykämie seit 1987 als einziges Land systematisch mittels oGTT in wiederholten nationalen Surveys erfasst.
Nach jahrzehntelangem Anstieg zeigt die Diabeteskurve nach unten
Die Zahlen, die Prof. Jakko Tuomilehto, Helsinki (Finnland), auf dem Kongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) 2026 in Mailand präsentierten, lesen sich wie eine kleine Erfolgsgeschichte: Die altersstandardisierte Prävalenz des Typ-2-Diabetes startete 1987 bei 14,7%, kletterte bis 2009 auf einen Höchstwert von 23,3% – und fiel bis 2021 signifikant auf 19,9%. Zwischen 1987 und 2009 stieg die Prävalenz bei Männern auf das 1,61-Fache und bei Frauen auf das 1,56-Fache des Ausgangswertes. In der zweiten Phase drehte sich das Bild: Zwischen 2009 und 2021 sank die Prävalenz bei Männern um 11%, bei Frauen sogar um 16%. Bemerkenswert dabei ist die Breite dieses Rückgangs: Er zeigte sich konsistent über alle Geschlechter, Altersgruppen und Ethnien hinweg – ob asiatisch-indische, afrikanisch-kreolische oder chinesische Mauritianer.
Grundlage für diese Trendwende sind 7 bevölkerungsbasierte Querschnittserhebungen aus den Jahren 1987, 1992, 1998, 2004, 2009, 2015 und 2021. Mehr als 36.000 Erwachsene zwischen 25 und 74 Jahren wurden untersucht – bei jeder der Erhebungen lag die Teilnahmerate über 85%. Die Bevölkerung Mauritius‘ ist dabei ethnisch vielfältig: Rund zwei Drittel haben südasiatische Wurzeln, gut ein Viertel ist afrikanischstämmig (Creole) und etwa 3% chinesischstämmig. Wer nicht schwanger war und keine blutzuckersenkenden Medikamente einnahm, unterzog sich einem standardisierten oralen Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose (oGTT); die Einstufung der Ergebnisse folgte den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2006.
Das Wichtigste in Kürze
Zwei Botschaften bleiben aus dieser Langzeitanalyse besonders hängen:
Nach einem Anstieg der altersstandardisierten Prävalenz von 14,7% (1987) auf 23,3% (2009) sank sie in Mauritius bis 2021 signifikant auf 19,9%. Grundlage sind konsequente Prävention, systematisches Screening und ein breiter Zugang zur Versorgung.
Nur mit dem oralen Glukosetoleranztest werden auch isolierte postprandiale Hyperglykämien erfasst. Nüchternglukose oder der HbA1c-Wert allein unterschätzen die tatsächliche Krankheitslast – und können echte epidemiologische Trends verschleiern.
Erfolg mit Einschränkungen: Die Epidemie ist nicht vorbei
So eindrucksvoll die Zahlen auch sind – ein wenig Zurückhaltung ist angebracht. Fast jeder 5. Erwachsene im Alter von 25–74 Jahren in Mauritius hatte 2021 noch Typ-2-Diabetes, was eine erhebliche Belastung darstellt. Und die Prävalenz wird nicht nur durch die Neuerkrankungen beeinflusst, sondern auch durch Überleben, Diagnose, Migration und Behandlung. Die Ergebnisse lassen sich nicht zwingend so interpretieren, dass die Epidemie beendet ist – wohl aber, dass Entwicklungen unter bestimmten Bedingungen veränderbar sein könnten.
Prädiabetes-Prävalenz fast halbiert
Noch deutlicher als beim manifesten Diabetes zeigt sich der Rückgang bei der intermediären Hyperglykämie – also bei erhöhten Blutzuckerwerten, die noch nicht die Schwelle zum Diabetes erreichen. Hier stieg die Prävalenz zunächst von 20,8% (1987) auf 24,9% (2009), um bis 2021 auf 15,6% zu sinken. Das entspricht einem Rückgang auf etwa zwei Drittel des Wertes von 2009. Die gestörte Glukosetoleranz allein halbierte sich nahezu – von 16,2 auf 9,9%. Dieser gleichzeitige Rückgang der intermediären Hyperglykämie, einschließlich der beeinträchtigten Glukosetoleranz, ist nach Einschätzung der Kommentatoren der Studie besonders bemerkenswert und deutet auf Verschiebungen im Krankheitsgeschehen hin.
Auch in der Gesamtverteilung der Blutzuckerwerte spiegelt sich dieser Trend wider: Sowohl die Nüchternglukose als auch der Blutzucker 2 Stunden nach Einnahme der Zuckerlösung verschoben sich nach 2009 wieder in Richtung normalerer Werte.
Immer weniger unerkannte Diabetesfälle
Erfuhr 1987 noch fast jeder 2. Betroffene erst durch den Survey, dass er an Typ-2-Diabetes litt – dieser Anteil der neu entdeckten Fälle lag damals bei 67% – ,sank er bis 2021 auf 32,5%. Immer mehr Menschen kennen also ihre Diagnose bereits, bevor sie an einer Erhebung teilnehmen. Dies spiegelt wahrscheinlich ein verbessertes Bewusstsein, besseres Screening und einen besseren Zugang zur Versorgung wider. Passend dazu hat sich auch die Behandlungsrate deutlich erhöht – der Anteil der Teilnehmenden, die Insulin oder blutzuckersenkende Tabletten einnahmen, stieg von 4,5 auf 17,8%. Beides zusammen spricht für eine verbesserte Früherkennung und eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung.
Gelungene Trendwende durch jahrzehntelanges Monitoring
Was steckt hinter dieser Entwicklung? Die Autoren sehen mehrere Faktoren hinter der Trendumkehr: nationale Aktionspläne gegen nichtübertragbare Erkrankungen, mobil organisiertes Risikofaktor-Screening, Tabakkontrolle, Ernährungs- und Bewegungsförderung – und nicht zuletzt der kostenfreie Zugang zu Medikamenten im öffentlichen Gesundheitssystem. Kurzum: ein breites gesellschaftliches Maßnahmenpaket, das über viele Jahre konsequent umgesetzt wurde.
Fast noch wichtiger als der Rückgang selbst ist nach Ansicht der Kommentatoren der Studie aber ein anderer Punkt: Ohne eine langfristige, methodisch einheitliche Datenerhebung wäre dieser Erfolg gar nicht sichtbar geworden. Nur wer kontinuierlich und mit denselben Methoden misst, kann erkennen, ob sich wirklich etwas verändert.
„Mauritius ist das erste Land, in dem ein anhaltender Rückgang der Prävalenz von Typ-2-Diabetes und Prädiabetes zu verzeichnen ist – basierend auf Langzeitdaten unter Verwendung der von der WHO empfohlenen, auf dem oralen Glukosetoleranztest basierenden Diagnosekriterien, die als Goldstandard gelten. Es ist ermutigend zu erfahren, dass der in fast allen Ländern weltweit zu beobachtende kontinuierliche Anstieg von Typ-2-Diabetes gestoppt und sogar umgekehrt werden kann.“
— so das Resümee der Studienautoren
Fazit: Diabetesepidemie ist kein Naturgesetz
Mauritius ist das erste Land weltweit, das mit dem oGTT – dem von der WHO empfohlenen Goldstandard – einen echten Rückgang bei Typ-2-Diabetes und Prädiabetes belegen kann. Was lässt sich daraus mitnehmen? Erstens: Die Diabetesepidemie ist kein Naturgesetz. Mit konsequenter Prävention, besserer Früherkennung und einer gut organisierten Versorgung lässt sie sich aufhalten – und sogar zurückdrängen. Ähnliches ist in der Vergangenheit auch bei Herzerkrankungen und Lungenkrebs gelungen. Zweitens lohnt ein Blick auf die Methodik: Der oGTT ist aufwendiger als ein einfacher Nüchternblutzucker oder ein HbA1c-Wert, aber er erfasst das Krankheitsbild präziser. Wer nur auf diese einfacheren Werte setzt, sieht nur einen Teil des Problems. Dabei muss es nicht zwingend beim klassischen 2-Stunden-oGTT bleiben: Die International Diabetes Federation (IDF) empfiehlt inzwischen, den 2-Stunden-Wert durch eine 1-Stunden-Messung nach Glukosebelastung zu ersetzen – ein Ansatz, der bei vergleichbarer diagnostischer Güte praktikabler ist und die Hürde für ein breites Screening weiter senken könnte.
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