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Christines Kolumne

Wanted: Ägyptische Hebammen

|von Christine Zilinski

Gebären ist privat? Schön wär’s. Zwischen staatlich missliebigen Kaiserschnitten, nicht vorhandenen Hebammen und Skalpell-Fließbandarbeit zeigt sich: Die Art, wie ein Kind zur Welt kommt, ist weniger eine medizinische als eine geopolitische Frage. Willkommen im globalen Kreißsaal.

Schreibtisch mit Laptop, der den Schriftzug Kolumne trägt
Wenn die Hebamme fehlt, übernimmt das Skalpell – und das Baby landet pünktlich, aber unfreiwillig im Operationssaal. (© MALLMO PHOTOGRAPHY/stock.adobe.com_edited by Thieme)

Die Frage, wann und wie Babys dem Mutterbauch entschlüpfen, sollte ja eigentlich eine zutiefst private sein. Aber scheint schon ein wenig davon abzuhängen, wo man lebt bzw. gebären möchte. Und natürlich von Umständen wie Alter, Komorbiditäten der Mutter undsoweiter – Sie kennen es. Aber haben Sie auch auf dem Schirm, dass Sie in der Türkei beispielsweise mit einem Bein im Knast stehen, wenn Sie einen Kaiserschnitt bei einer Schwangeren durchführen? Da stehen nämlich – zumindest in Privatkliniken – Verbote im Raum, die den Einsatz geplanter Kaiserschnitte abschaffen wollen. Laut dpa- Bericht steckt dahinter die, sagen wir mal, regressive Ansicht, dass Frauen, die vaginal entbehren, auch schneller wieder schwanger werden können. Hat wohl auch was mit Erdogan zu tun, diese Ansage. Ich dachte zwar immer, ein Jahr zwischen zwei Schwangerschaften sollte man selbst als Frau mit Ambitionen auf Miniatur-Fußballmannschaften schon einhalten, aber was weiß ich schon. Ich hab nur ein Kind.

Social Media ist Schuld – aber sicher

Ein paar grad weiter südlich auf der Kugel – außer man ist flat-earther, dann eher irgendwie nach unten – ticken die Uhren ganz anders. Ägypten nämlich hat eine erschreckend hohe Kaiserschnittrate. Gut 72% der Frauen entbinden da per Skalpell – oftmals gar nicht so freiwillig. Eine Klinikbetreiberin aber gibt die Schuld einfach der Eitelkeit der Social-Media-abhängigen Mutter in spe: zip-zip-raus mit dem Stammhalter und dann schnell schminken fürs Insta-Foto. Ähm, ja. Es scheint aber auch noch andere Gründe für den Eingriff zu geben: Es gibt offenbar keine Geburtsvorbereitungskurse, kaum bis keine Hebammen und damit keine informierte Schwangere, die sich versiert auf die natürliche Geburt einstellen kann.

Teures Kerosin hat nicht nur Nachteile

Aber natürlich spielt der schnöde Mammon auch im Land der Pyramiden eine Rolle: Pro Kaiserschnitt kann mehr abgerechnet werden – plus in kürzerer Zeit. Und da keine Hebamme da ist, die die Erstgebärende über einen halben bis ganzen Tag hinweg betreut, muss das Kind halt schnell raus. Und dann ab zum nächsten dicken Bauch.

Mein persönliches Highlight aus dem Artikel war übrigens der Satz „die jüngere Generation von Ärzten kennt Komplikationen bei einer normalen vaginalen Geburt überhaupt nicht.“ Wenn das die Zukunft ist, dann bin ich froh, dass Kerosin derzeit gegen Gold abgewogen wird.


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