Sollte die Darmkrebs-Früherkennung künftig schon ab 45 statt ab 50 Jahren angeboten werden? Die USA haben hier vorgelegt. Jetzt hat auch das IQWiG im Auftrag des G-BA geprüft, ob eine Absenkung der Altersgrenze oder eine Anpassung der Koloskopie-Intervalle wissenschaftlich gerechtfertigt wäre – und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Eine eigens entwickelte Modellierung liefert dem G-BA nun dennoch Handlungsoptionen.
Darmkrebs-Screening ab 45? IQWiG sieht keine belastbare Evidenz
Gesetzlich Versicherte haben gemäß den aktuellen Regelungen ab einem Alter von 50 Jahren Anspruch auf eine Darmkrebs-Früherkennung. Denn mit der Früherkennungsuntersuchung kann man Krebsvorstufen im Dickdarm (Polypen) oder Krebs entdecken und meist sehr gut behandeln. Auf diese Weise lassen sich fortgeschrittene Krebsstadien, belastende Therapien und krebsbedingte Sterblichkeit vermindern. Zur Früherkennung von Dickdarmkrebs (kolorektales Karzinom) stehen sowohl die Darmspiegelung (Koloskopie) als auch der Test auf Blut im Stuhl zur Verfügung.
Früher starten oder Intervalle ändern?
Nationale wie internationale Organisationen befürworten das Darmkrebs-Screening bei Personen mit einem durchschnittlichen Darmkrebsrisiko, wobei sich die jeweils bevorzugten Screening-Strategien unterscheiden. Die US-amerikanischen Fachgesellschaften haben unlängst ihre Altersempfehlungen für den Beginn des Screenings überprüft und schlagen dafür erstmals ein Alter von 45 statt 50 Jahren vor. Auch gibt es Vorschläge, den in Deutschland üblichen 10-Jahres-Mindestabstand zwischen der ersten und der zweiten Darmspiegelung zu verlängern.
IQWiG-Recherche: Keine Evidenz für Anpassungen
Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nun überprüft, ob es aussagekräftige Evidenz für die unteren Altersgrenzen sowie den zeitlichen Abstand und die Anzahl der Früherkennungskoloskopien gibt. Das Fazit: Für eine Absenkung der derzeit bestehenden unteren Altersgrenze von 50 auf 45 Jahre liegt keine belastbare Evidenz vor. Gleiches gilt für eine Anpassung des Zeitabstands oder der Häufigkeit der Koloskopie im Vergleich zum aktuellen Vorgehen.
Für Menschen über 50 ist gut belegt, dass Darmkrebs-Vorsorge empfehlenswert ist – egal ob man Darmspiegelung oder Stuhltest wählt. Mangels guter Studien weiß aber zurzeit niemand sicher, ob Menschen ohne erhöhtes Darmkrebsrisiko auch schon in einem Alter von unter 50 Jahren von einer Früherkennung profitieren.
Stefan Sauerland, Leiter des IQWiG Ressorts Nichtmedikamentöse Verfahren 04/2026
Neue Evidenz zu diesen Fragen ist allerdings zeitnah auch nicht zu erwarten, denn für valide Ergebnisse müssten mehrere Zehntausend Menschen über einen sehr langen Beobachtungszeitraum hinweg untersucht werden. Das IQWiG hat daher eine entscheidungsanalytische Modellierung erstellt, die ergänzende Informationen zu unterschiedlichen Varianten einer Darmkrebs-Früherkennung liefert.
Mehr Tests, mehr Karzinome – aber auch mehr Belastung
In der Modellierung zeigte sich wie erwartet, dass man mit mehr Tests mehr Krebs entdecken und mehr Krebstodesfälle verhindern kann. Allerdings steigen dabei der diagnostische Aufwand und die Belastung für die einzelne Person, die all diese Tests absolvieren muss, exponentiell an. Daher ist ein Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen notwendig, was mehrere Optionen als denkbar erscheinen lässt.
Mangels klinischer Evidenz haben wir unterschiedliche Szenarien u. a. für eine frühere Darmkrebs-Früherkennung in verschiedenen Varianten modelliert. Daraus lassen sich grundlegende Handlungsoptionen mit Vor- und Nachteilen identifizieren und beim G-BA diskutieren, um trotz Evidenzdefizit gute Entscheidungen für die Versorgung treffen zu können.
Tim Mathes, Leiter des IQWiG-Ressorts Gesundheitsökonomie 04/2026
So ist beispielsweise vorstellbar, die derzeit übliche Darmkrebs-Früherkennung über eine größere Altersspanne anzubieten und hierfür auch die Untersuchungsabstände oder die Anzahl der Tests anzupassen. Auch ein Beibehalten des jetzigen Screening-Angebots wäre aber denkbar.
Transparenter Prozess bis zum Abschlussbericht
Der G-BA hat das IQWiG am 19.12.2024 mit der Überprüfung der unteren Altersgrenze und Frequenz der Früherkennungskoloskopie im Darmkrebs-Screening-Programm beauftragt. Die vorläufigen Ergebnisse hatte das IQWiG als Vorbericht im Januar 2026 veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Nach Abschluss des Stellungnahmeverfahrens hat das Projektteam den Bericht überarbeitet und im März an den Auftraggeber versandt.