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Aktualisierter Cochrane Review

Cannabis gegen Nervenschmerzen – Hoffnungsträger oder Mogelpackung?

Lindern cannabishaltige Arzneimittel chronische Nervenschmerzen – oder schaden sie mehr als sie nützen? Ein aktualisierter Cochrane Review findet keine verlässlichen Belege für eine wirksame Schmerzlinderung. Die Studienlage ist dünn, methodisch schwach und von kurzen Laufzeiten geprägt. Fachleute fordern dringend bessere Langzeitstudien. 

Cannabisblüten, Cannabisöl und Kapseln auf einem Tisch
Ein aktualisierter Cochrane Review findet bislang keine verlässlichen Belege für einen klaren Nutzen unterschiedlicher cannabishaltiger Arzneimittel bei der Behandlung von chronischen neuropathischen Schmerzen. (© bukhta79/stock.adobe.com)

Chronische neuropathische Schmerzen entstehen nicht durch eine akute Verletzung, sondern weil geschädigte Nerven selbst unkontrolliert Schmerzsignale erzeugen. Ursache dieser brennenden, stechenden, plötzlich einschießenden Schmerzen, Berührungsschmerzen bzw. Kälte- oder Wärmeschmerzen kann unter anderem eine Chemotherapie sein. Helfen Standard-Arzneimittel nicht ausreichend, setzen manche Schmerzpatient*innen ihre Hoffnung auf cannabisbasierte Medikamente.

Der Cochrane Review im Überblick

Für den aktualisierten Cochrane Review wurden 21 randomisierte Studien mit 2187 Erwachsenen ausgewertet. Die Teilnehmenden erhielten cannabisbasierte Präparate oder Placebo über Zeiträume von 2–26 Wochen. Nur 4 Studien erfüllten die Empfehlung der European Medicines Agency (EMA) von mindestens 12 Wochen Laufzeit.

Untersucht wurden folgende Wirkstoffgruppen:

  • Präparate mit überwiegend Tetrahydrocannabinol (THC) – mit Rauschwirkung,
  • Präparate mit überwiegend Cannabidiol (CBD) – ohne Rauschwirkung und
  • Kombinationspräparate mit THC und CBD.

In einer Studie wurde der Dampf von erhitztem Cannabis – überwiegend von getrockneten Blüten – eingeatmet. In den übrigen Studien kamen ein Mundspray mit definierten THC-/CBD-Mengen pro Hub, Präparate zum Schlucken sowie Cremes oder Pflaster zum Einsatz.

Kein klarer Vorteil gegenüber Placebo

Über alle Wirkstoffgruppen hinweg fanden die Forschenden keine verlässlichen Belege, dass cannabishaltige Arzneimittel neuropathische Schmerzen besser lindern als ein Placebo:
In Studien mit THC- oder CBD-dominanten Präparaten ließ sich kein positiver Effekt nachweisen bzw. die Studien wiesen erhebliche methodische Mängel auf.

THC/CBD-Kombipräparate: Kleine Effekte, große Unsicherheit

Mit Blick auf Kombinationspräparate mit THC und CBD fanden die Forschenden folgendes heraus: Von 1000 Patient*innen, die ein solches Kombi-Präparat genommen hatten, schätzten am Studienende 268 ihren Zustand als „viel besser“ ein. Zum Vergleich: Bei Patient*innen, die ein Placebo verabreicht bekommen hatten, waren es 197. Zum Einsatz kam hier der „Patient Global Impression of Change“-Fragebogen in 7 Studien mit 1145 Teilnehmenden, die zwischen 10 und 105 Tagen dauerten. 

Die Cochrane-Autor*innen halten diesen Unterschied aber für gering. Zudem sei die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses aus verschiedenen Gründen niedrig: So schlossen die meisten Studien Menschen mit psychischen Erkrankungen – auch in der Vergangenheit – sowie mit schweren Begleiterkrankungen von vornherein aus. Deshalb bleibt unklar, wie gut die Befunde auf den typischen Schmerzpatienten übertragbar sind. Außerdem war die methodische Qualität und die Zahl der Teilnehmenden pro Studie in den meisten Untersuchungen unzureichend.

Nebenwirkungen im Fokus: Verträglichkeit kritisch

Unerwünschte Wirkungen wurden in den Studien sehr unterschiedlich erfasst und berichtet. Welche Nebenwirkungen gefunden wurden und wie häufig sie auftraten, hing stark davon ab, wie die Daten erhoben wurden. Insgesamt lässt sich die Sicherheit von Cannabis-haltigen Medikamenten bislang nicht verlässlich beurteilen – unter anderem wegen verschiedener Schwächen in den Studien.

Allerdings zeigt der aktuelle Cochrane Review einige Signale für Verträglichkeitsprobleme: So berichteten beispielsweise die Patienten mit den THC/CBD-Kombi-Präparaten von deutlich mehr unerwünschten Wirkungen auf das Nervensystem als Patient*innen, die ein Placebo erhalten hatten. Dazu zählten Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Schläfrigkeit sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen (annähernd zwei Drittel in den THC/CBD-Gruppen versus gut einem Viertel unter Placebo). „Psychiatrische Nebenwirkungen“ wie Verwirrtheit, psychotische Symptome (etwa Halluzinationen) oder Hinweise auf Abhängigkeitsentwicklung gaben rund 11% der Teilnehmenden in den THC/CBD-Gruppen und rund 3% in den Placebo-Gruppen an.

Zudem brachen in der THC/CBD-Gruppe deutlich mehr Teilnehmende die Therapie wegen unerwünschter Wirkungen ab als in der Kontrollgruppe: nämlich 118 von 1000 im Vergleich zu 68. All diese Zahlen sind nach Ansicht der Cochrane Forschenden allerdings mit einer hohen oder sogar sehr hohen Unsicherheit behaftet und entsprechend wenig vertrauenswürdig (Einstufung im GRADE-System: low bzw. very low).

Frage zur Langzeitanwendung bleiben offen

Weil die meisten Studien nur wenige Wochen dauerten und das nach der Einschätzung  der EMA für diese chronische Erkrankung zu kurz ist, lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, welchen potenziellen Nutzen oder Schaden Cannabis-Medikamente haben, wenn Patient*innen mit Nervenschmerzen sie langfristig anwenden.

Medizinisches Cannabis in Deutschland: Aktueller Hintergrund

Seit 2017 dürfen Ärzt*innen in Deutschland medizinisches Cannabis – also Extrakte, aber auch die Blüten der Pflanze – in schwerwiegenden Fällen ohne indikationsspezifische Zulassung verordnen, wenn es keine andere geeignete Therapieoption mehr gibt. Sie tun das laut einer 5-jährigen Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in mehr als drei Viertel der gemeldeten Fälle wegen chronischer Schmerzen.

 Seit einer Gesetzesänderung 2024 muss medizinisches Cannabis nicht mehr auf einem Betäubungsmittel-Rezept verordnet werden. Seitdem werden über Online-Plattformen zunehmend Cannabis-Privatrezepte ausgestellt. Die Einfuhr von medizinischen Cannabisblüten ist seitdem sprunghaft gestiegen.

Expert*innen vermuten allerdings, dass nicht nur Patient*innen, sondern auch viele Freizeitkonsument*innen auf diese Weise ihren Cannabis-Bedarf decken. Deshalb wird gerade auf bundespolitischer Ebene darüber diskutiert, die Vorschriften für Online-Verordnungen zu verschärfen.

Bessere Studien dringend nötig

Die Cochrane-Forscher*innen fordern daher qualitativ hochwertigere Untersuchungen: „Um Nutzen und Risiken von cannabisbasierten Arzneimitteln vollständig zu verstehen, benötigen wir größere, gut konzipierte Studien mit einer Behandlungsdauer von mindestens 12 Wochen, die auch Personen mit körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen einschließen“, sagt Prof. Winfried Häuser, einer der Review-Autoren. Die Forschenden empfehlen auch jeweils mindestens 150 Teilnehmer*innen pro Behandlungsarm, die entweder ein Cannabis-Arzneimittel oder ein Placebo erhalten. Zudem schlagen sie vor, dass verschiedene Formen neuropathischer Schmerzen separat untersucht werden.Die Forschenden gehen davon aus, dass solche Studien die bisherigen Einschätzungen zu Wirkung und Risiken von Cannabis-Medikamenten bei Nervenschmerzen nochmal verändern würden. „Derzeit ist die Qualität der meisten Studien zu gering, um verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen“, so Häuser.


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