Themenschwerpunkt
Donald Trump ist dafür bekannt, nicht nur politische Schlagzeilen zu machen. So sorgten Aussagen von ihm und seinem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. für Aufruhr, dass das Autismusrisiko bei Kindern in Zusammenhang mit der Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft stehe. Schon 2021 hatte eine amerikanische Forschergruppe[1] in der Zeitschrift Nature einen dringenden Appell an…

…an Gesundheitsbehörden gerichtet, den potenziell schädlichen Zusammenhang zwischen Paracetamol und neurodegenerativen Störungen genauer zu untersuchen. Grund für die damals von 91 Wissenschaftlern gestützte These war:
„Es gibt eine wachsende Anzahl an experimentellen und epidemiologischen Studien, die nahelegen, dass eine vorgeburtliche Exposition mit Paracetamol die fetale Entwicklung verändern könnte, die sich in erhöhten Risiken neurologischer, reproduktiver und urogenitaler Störungen äußert.“[1]
Als Antwort auf die aktuell hitzige Debatte sind mehrere Artikel, darunter im BMJ und JAMA, veröffentlicht worden. Zwei davon beleuchten die Hintergründe genauer und werfen einen besonderen Fokus auf mögliche Fehler, die bei den bisherigen Datenerhebungen gemacht wurden. Beispielsweise Störfaktoren wie Umweltbedingungen, Lebensstil oder schlicht die Geschwisterkontrolle waren daher Teil der aktuellen Untersuchungen. Erfahren Sie hier, zu welchen Ergebnissen diese beiden Schwerpunktrecherchen geführt haben.
Geschwisterkontrollen relativieren schädlichen Effekt von Paracetamol
Viktor Ahlquist et al. untersuchte mit seiner schwedischen Studiengruppe[2], inwieweit Geschwisterkontrollen bei einer bevölkerungsbasierten Studie die zuvor berichteten fetalen Entwicklungsstörungen entkräften würden. Dazu analysierten sie die Daten von 2.480.797 Kindern, die zwischen 1995 und 2019 in Schweden geboren wurden. Das Follow-Up erfolgte bis Ende des Jahres 2021. Während des Untersuchungszeitraums waren knapp 7,5% der Kinder Paracetamol ausgesetzt. Das grobe absolute 10-Jahres-Risiko für Autismus lag demnach in der exponierten Gruppe bei 1,53% versus 1,33% in der nicht-exponierten Gruppe.
Das Risiko für das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHD) lag bei 2,87% versus 2,46% exponiert versus nicht-exponiert. Somit war das Autismus- bzw- ADHS-Risiko bei exponierten Kindern ohne Geschwisterkontrolle mit einer Risikoerhöhung um 5-7% erhöht. Kamen nun die Geschwisterkontrollen hinzu, schrumpfte das Risiko auf -0,02%. Gleiches galt für andere geistige Entwicklungsstörungen.
Fazit dieser Studie: Wahrscheinlich trugen die fehlenden Geschwisterkontrollen älterer Studien als familiärer Störfaktor zu den erhöhten Zahlen neurodegenerativer Störungen bei.
Umbrella-Review verdeutlicht Mängel bei zugrundeliegenden Primärstudien
Das in BMJ veröffentlichte Umbrella-Review von Jameela Sheikh et al.[3] kommt zu einem ähnlicher Abschwächung der zuvor geäußerten Bedenken. Für ihre „Schirmauswertung“ analysierten die Autoren zahlreiche systematische Reviews mit Hinblick auf Störfaktor-Quellen aus den zahlreichen zugrundeliegenden Primärstudien. Zu den definierten Störfaktoren zählen familiäre und erbliche Faktoren, Umweltfaktoren, Lebensstil und gesundheitlicher Zustand der Mutter oder die Indikation, die den Paracetamol-Gebrauch erst notwendig machte. Dazu suchten sie aus mehreren Datenbank wie Medline, Embase, Cochrane Database und weiteren nach systematischen Reviews und Metaanalysen, die sich mit dem mütterlichen Paracetamol-Gebrauch in der Schwangerschaft beschäftigt hatten. Die ausgewählten 63 Studien und dazugehörigen Reviews wurden anschließend von zwei unabhängigen Gutachtern analysiert.
Dabei kam zutage, dass die häufig Primärstudien eine starke Assoziation zwischen Paracetamol-Einnahme der Schwangeren und Autismus oder ADHD bei ihrem Nachwuchs aufzeigten. Die Mehrzahl der Reviews betonte jedoch, die Ergebnisse wegen der möglichen Störfaktoren mit Vorsicht zu betrachten. Die Aussagekraft (Confidence) der Ergebnisse wurde weitgehend als niedrig bis sehr niedrig eingestuft. Auch hier kam es zu identischen Risikoeinschätzungen wie bei der JAMA-Arbeit: Ohne Geschwisterkontrolle war das Autismus- bzw. ADHD-Risiko um 5-7% erhöht, wenn es zu einer antenatalen Paracetamol-Einnahme kam. Auch hier relativierte der anschließende Geschwisterabgleich die Hazard Ratio jedoch auf 0,98, also auf ein -0,02%iges Risiko.
Fazit dieser Studie: Die existierenden Studienergebnisse belegen nicht eindeutig den Zusammenhang zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und einem erhöhten Autismus/ADHD-Risiko. Die überwiegenden Primärstudien weisen potenziell häufige Störfaktoren wie familiäre Genetik oder Umweltfaktoren auf, die nicht bei ihrer damaligen Bewertung berücksichtigt wurden.
Deep Dive Paracetamol

- 1878 erstmals vom amerikanischen Forscher Harmon Northrop Morse aus Zink und Eisessig synthetisiert, landete Paracetamol im Jahr 1977 auf der Liste unverzichtbarer Arzneimittel der WHO. Seitdem gilt es weltweit als Standard-Analgetika und Antipyretika.
- Es wird zur Behandlung von leichten bis mäßigen Schmerzen (z. B. Kopf-, Zahn-, Gelenkschmerzen) und zur Fieberreduktion als OTC-Produkt günstig erwerbbar eingesetzt.
- Allein in Deutschland werden 2025 rund 740 Millionen € für das Schmerzmittel ausgegeben, pro Kopf macht das etwa 8,90€. Die STADA Arzneimittel AG ist der Top-Hersteller für Paracetamol in Deutschland.
- Jahrzehntelang wurde es als sicher eingestuft, über 50 % der Schwangeren weltweit nutzen es.
- Es gilt als Mittel der Wahl in allen Trimestern bei klarer Indikation. Allerdings ist es plazentagängig, daher ist eine Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Die Empfehlungen für Schwangere lauten: niedrigste wirksame Dosis, so kurz wie möglich.
- Neuere Studien zeigen möglichen Zusammenhang zwischen pränataler Einnahme und erhöhtem Risiko für ADHS, Autismus und andere neurologische Entwicklungsstörungen.
- Die Risiken scheinen insbesondere bei häufiger oder langfristiger Einnahme (>20 Tage) höher zu sein.
- Aktuelle Reviews betonen die Möglichkeit, dass bislang unbeachtete Störfaktoren wie genetisches Risiko oder Umweltfaktoren bei den Auswertungen zu wenig beachtet wurden.
Von Christine Zilinski
Quellen
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