Sieben von zehn Babys kommen in Ägypten per Kaiserschnitt zur Welt – eine der höchsten Raten weltweit. Hinter den Zahlen stehen wirtschaftlicher Druck auf Ärzte, drohende Haftstrafen bei Komplikationen, fehlende Hebammen und Schwangere, denen oft jede Wahl genommen wird. Wie die Regierung in Kairo gegensteuert und warum Experten von einem Bruch des hippokratischen Eids sprechen.
Kaiserschnitt-Rate in Ägypten: 72 Prozent – warum Ärzte zum Skalpell greifen
Als Malak al-Assaui zum ersten Mal schwanger wurde, hatte sie vor allem einen Wunsch: eine natürliche Geburt. Aber ihr behandelnder Arzt in Ägypten hatte – so vermutet sie – von vornherein einen anderen Plan. «Vor meinem errechneten Termin fing er an, mich davon zu überzeugen, dass ich dieses Baby per Kaiserschnitt auf die Welt bringen würde», sagt die 35-Jährige. So kam es dann auch – wie bei ihren zwei weiteren Geburten.
Bis heute fragt sich al-Assaui, ob ihre Kinder auf natürlichem Weg hätten kommen können, ob die Eingriffe medizinisch notwendig waren. «Ich erinnere mich nur noch daran, dass sie mir keine Wahl gelassen haben. Sie haben es nicht einmal versucht», sagt sie zur ersten Geburt. Als ihre Fruchtblase platzte und sie im Krankenhaus bat, sie wolle es erst auf natürlichem Wege versuchen, habe der Arzt geantwortet: «Ihr Kaiserschnitt-Termin ist morgen.»
In kaum einem Land der Welt kommen so viele Kinder per Kaiserschnitt zur Welt wie in Ägypten. 2021 lag die Kaiserschnitt-Rate nach offiziellen Angaben bei 72 Prozent. Im Ort Port Said kommt statistisch sogar nur jedes zehnte Kind auf natürlichem Weg zur Welt. Die Regierung in Kairo bemüht sich, gegenzusteuern. Denn ein Kaiserschnitt kann zwar Leben retten, aber Müttern und Kindern auch schaden, wenn er medizinisch gar nicht notwendig ist.
Profit, Zeitdruck und fehlende Hebammen treiben die Sectio-Rate
Von solchen Zahlen ist Deutschland, wo 2023 etwa ein Drittel der Babys per «Sectio» zur Welt kam, weit entfernt. Binnen 30 Jahren hat sich der Anteil damit allerdings nach Daten des Statistischen Bundesamts fast verdoppelt. 1993 brachten nur knapp 17 Prozent der Frauen ihr Kind mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die lang eine Rate von maximal 10 bis 15 Prozent empfahl, spricht von einem globalen Trend mit verschiedenen Ursachen je nach Land.
«Viele, viele Patienten in Ägypten und im arabischen Raum bitten um einen Kaiserschnitt», sagt Jusra Laschin, die in Kairo eine Frauenarztpraxis führt. «Sie wollen keine Schmerzen mitten in der Nacht. Sie wollen keine Überraschungen.» Diese Frauen wollten lieber ein geplantes Ereignis, ein «perfektes Zimmer mit Ballons und Schokolade und sich schminken für eine Fotosession» nach Ankunft des Babys, sagt Laschin.
Für einen Teil der Mütter mag das stimmen. Aber Ägyptens Ärzte greifen bei einer Geburt auch aus ganz anderen Gründen gern zum Skalpell. Da wäre zunächst der Lohn: Ärztinnen und Ärzte verdienen in der wachsenden Zahl privater Krankenhäuser oft mehr an einem Kaiserschnitt, teils ist bei Kritikern die Rede von «Profitgier». Aus wirtschaftlichem Druck arbeiten viele parallel in mehreren Kliniken – und können mit Kaiserschnitten besser planen.
Der Eingriff dauert im Kern oft nur 15 Minuten, ein Arzt könnte also zehn oder mehr Kaiserschnitte durchführen in der Zeit einer einzigen natürlichen Geburt. So beschreibt es auch der Gynäkologe Scharif Hamsa. «Beim ersten Baby wartet man im Schnitt sechs bis zwölf Stunden.» Ein Arzt, der mehrere Jobs und sein Privatleben habe, frage sich deshalb: «Warum soll ich das machen? Ich mache einen Kaiserschnitt und gehe nach Hause.» Hebammen, die bei allen Geburten in Deutschland Pflicht sind, gibt es kaum oder gar nicht.
Defensive Medizin aus Angst vor Haftstrafen
Ägypten ringt mit einer schweren Wirtschaftskrise, ein Drittel lebt in Armut. Die Versorgung in staatlichen Krankenhäusern ist schlecht, oft fehlt es an Geräten, um etwa den Herzschlag des Babys zu verfolgen. Blutbanken sind oft leer oder gar nicht vorhanden. Natürliche Geburten können deshalb auch Risiken bedeuten. Wer kann, geht in eine private Klinik, viele zahlen aus eigener Tasche.
Dazu kommen rechtliche Fragen. So drohen Haftstrafen für Ärzte, wenn es bei einer natürlichen Geburt zu Komplikationen oder gar zum Tod von Baby oder Mutter kommt, auch wenn Ärzte sich strikt ans Protokoll halten. «Wenn etwas schiefläuft, ist der Arzt schuld», sagt Hussein Gohar, einer der bekanntesten Gynäkologen in Kairo. Viele Kollegen betrieben deshalb «defensive Medizin».
Mit der Versorgung in Deutschland ist Ägypten nicht vergleichbar, aber auch hier gibt es rechtlichen Druck. Die Angst vor Schadensersatzforderungen bei unterbliebenem Kaiserschnitt sei allgegenwärtig, sagte Andrea Köbke vom Präsidium des Hebammenverbands der dpa im vergangenen Jahr. In Deutschland spielt aber auch das zunehmende Alter der Mütter eine Rolle, das mehr Risiken bedeutet und damit eine stärkere Tendenz zum Kaiserschnitt.
Gegensteuern durch Dokumentationspflicht und Aufklärungskampagnen
Ägypten bemüht sich, die Zahlen zu senken. Krankenhäuser müssen neuerdings dokumentieren, wann ein Kaiserschnitt durchgeführt wurde und warum. Zuletzt gab es Inspektionen in mehreren Kliniken der Hauptstadt. Kosten sollen vereinheitlicht und künftig Hebammen geschult werden. Es gibt auch private Kampagnen, die Frauen aufklären und ermutigen sollen, selbst zu entscheiden.
Experte Alexandre Dumont bezeichnet die Rate von 72 Prozent als alarmierend. «Es ist unfassbar hoch. Das ist keine Medizin und nicht vereinbar mit dem hippokratischen Eid» von Ärzten, Patienten nicht zu schaden. Dumont, der an der Pariser Universität Sciences Po zum Thema forscht, hat ein Projekt gestartet, das das Selbstbewusstsein von Schwangeren stärken soll.
In weniger entwickelten Ländern könnten Frauen in der Frage oft gar nicht frei entscheiden, sagt Dumont. «Der Arzt hat Macht, er wird sehr respektiert. Er ist Teil der oberen Gesellschaftsschicht, wohlhabend und gebildet.» Frauen aus ärmeren Schichten ließen sich da leicht vom Kaiserschnitt überzeugen. «Diese Beziehung ist nicht fair. Die Frau sollte mit entscheiden können», sagt Dumont.
«Es gibt kein System, keine angemessene Beratung für Frauen, keine Kurse zur Geburtsvorbereitung und sehr wenige bis gar keine Hebammen», sagt auch Gynäkologe Gohar. Zudem sind die als PDA bekannte Periduralanästhesie und andere Mittel zur Schmerzbehandlung oft nicht verfügbar oder teuer. Umso weiter verbreitet ist die Angst vor der Geburt, die 70 Prozent der werdenden Mütter laut einer Studie von 2024 in Ägypten empfinden. In westlichen Ländern liegt der Wert demnach bei 5 bis 15 Prozent.
Den Trend umzukehren, könnte Jahre dauern. Gefragt ist vor allem die jüngere Generation von Ärzten, aber «die kennt Komplikationen einer normalen vaginalen Geburt überhaupt nicht», sagt Gohar. In der Ausbildung gehe die Tendenz zum Kaiserschnitt.
Fazit
Die Kaiserschnitt-Rate in Ägypten liegt bei alarmierenden 72 Prozent, was bedeutend höher ist als der weltweite Durchschnitt.
Ägyptische Ärzte tendieren aus Profitgründen und Zeitdruck vermehrt zu Kaiserschnitten, teilweise ohne medizinische Notwendigkeit.
Die rechtliche Unsicherheit führt zu defensiver Medizin: Ärzte fürchten Haftstrafen bei natürlichen Geburten mit Komplikationen.
Ägypten verfolgt Maßnahmen zur Senkung der Kaiserschnitt-Rate, einschließlich Dokumentationspflicht und Aufklärungskampagnen für schwangere Frauen.
Einige Experten warnen, dass die hohe Kaiserschnitt-Rate nicht mit dem hippokratischen Eid vereinbar ist und fordern mehr Mitspracherecht für Frauen.