Immer mehr Frauen können nicht auf natürlichem Weg schwanger werden. Laut einer aktuellen Studie hat sich die Zahl der von Unfruchtbarkeit betroffenen Frauen zwischen 35 und 49 Jahren seit 1990 weltweit nahezu verdoppelt. Die Forschenden rechnen bis 2036 mit einem weiteren deutlichen Anstieg. Als wichtiger Faktor gilt, dass viele Frauen ihren Kinderwunsch erst in einem Alter verwirklichen möchten, in dem die Fruchtbarkeit bereits spürbar sinkt.
Immer mehr Frauen weltweit von Unfruchtbarkeit betroffen
Immer mehr Frauen weltweit suchen wegen Fruchtbarkeitsproblemen medizinische Unterstützung. Im Jahr 2023 waren geschätzt rund 54 Millionen Frauen im Alter von 35 bis 49 Jahren von Unfruchtbarkeit betroffen. Bis zum Jahr 2036 könnten es rund 80 Millionen werden, wie ein überwiegend chinesisches Forschungsteam im Fachjournal «The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women’s Health» berechnet hat. Eine Ursache sehen die Forschenden darin, dass viele Frauen erst in deutlich höherem Alter als früher Kinder bekommen möchten – und es dann wegen altersbedingter Unfruchtbarkeit nicht mit einer Schwangerschaft klappt.
Familienplanung verschiebt sich nach hinten
Vor allem wohlhabendere Länder seien betroffen, in denen Frauen im Mittel später Kinder bekommen. Weltweit hätten etwa 8–12% Prozent der Paare Fruchtbarkeitsprobleme, heißt es in der Studie. Betroffen seien insbesondere Frauen im Alter zwischen 35 und 49 Jahren. In dieser Gruppe hätten die Diagnosen von Unfruchtbarkeit zwischen 1990 bis 2023 weltweit deutlich zugenommen, schreibt die Gruppe: von rund 27 Millionen auf fast 54 Millionen.
«Menschen bekommen Kinder in höherem Alter aufgrund längerer Studienzeiten, wirtschaftlicher Unsicherheit und Jugendarbeitslosigkeit», erklärte Prof. Éva Beaujouan, Wien. Zudem werde in jüngeren Jahren anderen Aktivitäten wie etwa der Karriere oder Reisen Vorrang eingeräumt. Einfluss hätten auch Faktoren wie die höhere Lebenserwartung und Veränderungen bei Werten und Einstellungen, so die Professorin für Demografie, die selbst nicht an der Studie beteiligt war.
Umkehren lasse sich der Trend vermutlich nicht – aber vielleicht stabilisieren. Ein Staat müsse dafür ausreichend in verlässliche Kinderbetreuung und unterstützende Infrastruktur investieren, «sodass jede Person, die Kinder haben möchte, dies in dem von ihr gewünschten Alter tun kann».
Social Egg Freezing gewinnt an Bedeutung
Hartmann geht davon aus, dass in den nächsten Jahren das Interesse an sogenanntem Social Egg Freezing zunehmen wird. Darunter versteht man das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen für eine Schwangerschaft zu einem späteren Zeitpunkt. «Der Erfolg einer Schwangerschaft ist maßgeblich abhängig vom Alter der Eizelle.» Zu empfehlen sei, die Eizellen bereits mit 25 Jahren einzufrieren.
Methodische Einschränkungen der Analyse
Für die Studie hatte das Team um Yuanyuan Du von der Universitätsklinik Chongqing über eine Suche in Fachliteratur und Datenbanken Angaben aus 204 Ländern und Regionen von 1990 bis 2023 ausgewertet. Wie präzise die präsentierten Werte tatsächlich seien, lasse sich nur schwer beurteilen, weil Methodik und insbesondere die Hochrechnung nicht ausreichend beschrieben seien, gab die Wiener Expertin Beaujouan einschränkend zu bedenken. Zweifel habe sie unter anderem an den Daten aus Österreich, die viel zu hoch wirkten.
Fazit: Reproduktionsmedizinische Beratung frühzeitig anbieten
Der prognostizierte Anstieg der Unfruchtbarkeit bei Frauen zwischen 35 und 49 Jahren auf rund 80 Millionen Betroffene bis 2036 unterstreicht die wachsende Bedeutung reproduktionsmedizinischer Beratung. In der Praxis sollten Ärztinnen und Ärzte Patientinnen frühzeitig über die altersbedingte Abnahme der Eizellreserve und -qualität ab 35 Jahren aufklären. Konzepte wie Social Egg Freezing gewinnen als vorsorgliche Option an Relevanz und sollten in die Beratung einbezogen werden..