Auf natürlichem Weg empfangen, kamen Mio, Matti, Luke und Levi in der 30. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zur Welt. Der Fall zeigt die Herausforderungen höhergradiger Mehrlingsschwangerschaften und die Bedeutung spezialisierter Perinatalzentren für Frühchen und Risikoschwangere.
Vierlinge in Chemnitz: Spontane Mehrlingsgeburt in der 30. SSW
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«Mein erster Gedanke war: Jetzt ist mein Leben vorbei», sagt Louise Ammon. Sie und ihr Mann Tom haben zum Jahresbeginn ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Erst die Freude, dass sie schwanger ist und sich der Wunsch nach einem Kind erfüllt. Dann werden sie vom Babyglück überrollt: Im Ultraschall waren nicht nur ein Kind, sondern drei, später sogar vier zu sehen. Diese Woche war es nun so weit: Am Montag haben die vier Brüder Mio, Matti, Luke und Levi früher als geplant das Licht der Welt erblickt. «Es geht uns allen gut», sagt die frischgebackene Mutter glücklich am Telefon.
Vierlinge sind statistisch gesehen wie ein Fünfer mit Superzahl im Lotto: Auf etwa 600.000 Geburten kommt eine Vierlingsgeburt, deutschlandweit im Schnitt also eine pro Jahr. Das stellt Kliniken vor besondere Herausforderungen. Denn die Babys kommen fast unausweichlich Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin zur Welt und brauchen als Frühchen besondere Pflege – und das gleich vierfach.
In Sachsen sind das Klinikum Chemnitz sowie die Unikliniken Leipzig und Dresden Perinatalzentren Level 1. Sie bieten die höchste medizinische Versorgungsstufe für Schwangere und Neugeborene – gerade bei Risikoschwangerschaften, Früh- und Mehrlingsgeburten.
Frühgeburt in der 30. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt
Der eigentliche Geburtstermin war Anfang September, aber bis dahin wollten weder die Eltern noch die Ärzte warten. «Im Bauch wachsen vier Kinder gleichzeitig und irgendwann sind die Grenzen erreicht», erklärt der Leitende Oberarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Jörg Stolle. Dadurch wachse der Druck auf den Muttermund. Auch könne der hohe Druck im Bauch dazu führen, dass die Durchblutung der Platzenten gestört und die Babys nicht mehr ausreichend versorgt würden.
Deswegen wurde im Krankenhaus kontinuierlich überwacht, wie es den Kindern geht, wie sie wachsen und ob es Auffälligkeiten gibt. Ziele der Ärzte waren die 32. Schwangerschaftswoche und ein Gewicht der Kinder von jeweils 1.500 Gramm. Doch nun ging es auf einmal schnell. In der Nacht zum Montag – also in der 30. Schwangerschaftswoche – sei die Fruchtblase geplatzt, erzählt Louise Ammon. Daraufhin wurden die Kinder per Kaiserschnitt geholt. Levi und Mio sind die Kleinsten und wiegen noch unter 900 Gramm, Luke bringt es auf 1.100 Gramm, Matti ist mit 1.350 Gramm der Kräftigste.
«Aktuell schlafen die vier Jungen viel und erholen sich geschützt von ihrer frühen Geburt», informieren die Ärzte. «Sie werden beim Atmen schonend unterstützt und über die Nabelvene zuverlässig mit allen wichtigen Nährstoffen und Flüssigkeit versorgt.» Ziel sei, dass sie gut zu Kräften kämen und rund um ihren ursprünglich errechneten Geburtstermin im September nach Hause könnten. Es ist der erste Nachwuchs für Louise Ammon und ihren Mann Tom.
FAQ Mehrlingsgeburten
Zwillingsschwangerschaften treten in Deutschland mit einer Häufigkeit von etwa 1:85 auf, Drillinge bei rund 1:7.000 Geburten. Vierlinge sind mit einer Rate von etwa 1:600.000 Geburten extrem selten – deutschlandweit kommt es im Schnitt zu einer spontanen Vierlingsgeburt pro Jahr. Die Häufigkeit höhergradiger Mehrlinge ist durch reproduktionsmedizinische Maßnahmen (ART, ovarielle Stimulation) in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen, geht durch Single-Embryo-Transfer-Strategien inzwischen aber wieder zurück.
Die Chorionizität ist der wichtigste prognostische Faktor bei Mehrlingen und sollte idealerweise im ersten Trimenon (11.–14. SSW) sonografisch bestimmt werden – u. a. anhand des Lambda- bzw. T-Zeichens. Unterschieden werden:
- Dichorial-diamnial (DCDA): geringstes Risiko
- Monochorial-diamnial (MCDA): Risiko für FFTS, sIUGR, TAPS
- Monochorial-monoamnial (MCMA): hohes Risiko durch Nabelschnurumschlingung
- Monochorial-monoamnial mit Siamesischen Zwillingen: seltenste und komplikationsträchtigste Form
Bei höhergradigen Mehrlingen sind Mischformen möglich und erfordern eine besonders detaillierte Frühdiagnostik.
- Frühgeburtlichkeit (Hauptursache maternaler und neonataler Morbidität)
- Präeklampsie und Gestationshypertonie (2- bis 3-fach erhöhtes Risiko)
- Gestationsdiabetes
- Wachstumsdiskordanz und selektive IUGR
- Feto-fetales Transfusionssyndrom (FFTS) bei monochorialen Schwangerschaften
- TAPS (Twin Anemia Polycythemia Sequence)
- Anämie der Mutter
- Postpartale Hämorrhagie durch Uterusüberdehnung
- Dichoriale Zwillinge: alle 4 Wochen ab der 20. SSW
- Monochoriale Zwillinge: alle 2 Wochen ab der 16. SSW zur frühzeitigen Detektion von FFTS/TAPS
- Höhergradige Mehrlinge: individuell, häufig 1- bis 2-wöchentlich, ergänzt durch Doppler-Sonografie und Zervixlängenmessung
Bei Auffälligkeiten (Wachstumsdiskordanz > 20 %, Fruchtwasserdiskordanz, pathologische Doppler-Befunde) ist die Vorstellung in einem spezialisierten Zentrum indiziert.
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