Akupunktur, Bewegungstraining, Massage oder multidisziplinäres Schmerzmanagement können Beschwerden bei chronischen unspezifischen Kreuzschmerzen kurzfristig deutlich lindern. Doch nach spätestens 12 Monaten verschwindet der klinisch relevante Nutzen weitgehend. Aktive und passive Verfahren wirken dabei ähnlich stark – ein Umdenken in Richtung langfristiger Managementstrategien erscheint überfällig.
Chronische Rückenschmerzen: Konservative Therapien wirken nicht nachhaltig
Rückenschmerzen sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die häufigste Ursache für Behinderung und Produktivitätsverluste weltweit, wobei chronische Verläufe (>12 Wochen) die größte ökonomische Last tragen. Nach Ausschluss spezifischer Ursachen wie Frakturen, Malignomen oder Infektionen bleiben radikuläre Syndrome und unspezifische Kreuzschmerzen als relevante Entitäten.
Leitlinien empfehlen konservative Maßnahmen als First-Line-Therapie – doch trotz zahlreicher Metaanalysen zu einzelnen Verfahren ist bislang unklar, ob eine Behandlung überlegen ist und ob die Effekte über den kurzfristigen Zeithorizont hinaus bestehen. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Hochschule Bochum hat nun erstmals mittels einer sogenannten Time-Course-Netzwerk-Metaanalyse den zeitlichen Verlauf der Wirksamkeit unterschiedlicher konservativer Verfahren systematisch verglichen.
Eine Time-Course-Netzwerk-Metaanalyse ist eine erweiterte Form der klassischen Metaanalyse, die 2 methodische Ansätze kombiniert:
Netzwerk-Metaanalyse: Nicht nur 2 Therapien, sondern gleichzeitig mehrere Behandlungen innerhalb eines statistischen Netzwerks werden direkt miteinander verglichen – auch dann, wenn sie in den Einzelstudien nie direkt gegeneinander getestet wurden. So lassen sich indirekte Vergleiche ziehen: Wenn Therapie A besser ist als Placebo und Therapie B ebenfalls besser als Placebo, kann das Modell ableiten, wie A und B im Verhältnis zueinander stehen.
Time-Course: Die Wirksamkeit wird nicht nur zu einem einzigen Messzeitpunkt betrachtet, sondern als kontinuierliche Kurve über die Zeit – von der unmittelbaren Wirkung direkt nach der Behandlung bis hin zu Langzeiteffekten nach 12 oder mehr Monaten.
Kombiniert ermöglicht diese Methode also, viele verschiedene Therapien gleichzeitig zu vergleichen und zu verfolgen, wie sich ihre Wirksamkeit über Wochen, Monate und Jahre hinweg entwickelt – statt nur eine Momentaufnahme zu liefern.
Umfassende Datenbasis aus 551 Studien
In die Analyse flossen Daten aus 581 Publikationen von 551 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 71.126 Patientinnen und Patienten ein. 510 Studien untersuchten unspezifische chronische Kreuzschmerzen, 41 Studien radikuläre Verläufe. Bewertet wurden 14 Therapieansätze – von der Akupunktur bis zur Standardversorgung und sogar einer Placebobehandlung. Als Kontrollgruppe dienten Patienten, die keine Behandlung erhalten hatten.
Als Endpunkte dienten Rückenschmerzintensität, Beinschmerzintensität, Funktionsfähigkeit und psychische Gesundheit – gemessen zu 4 Zeitpunkten: direkt nach der Behandlung (<1 Tag), kurzfristig (bis 3 Monate), mittelfristig (3 bis 12 Monate) und langfristig (ab 12 Monate). Die durchschnittliche Behandlungsdauer lag bei 6 Wochen.
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