Rund 90 Prozent der Patientinnen und Patienten wünschen sich ein ärztliches Gespräch über sexuelle Gesundheit – tatsächlich findet es jedoch nur bei einer Minderheit statt. Wie sich Zeitdruck, Scham und Vorurteile überwinden lassen und welche strukturierten Werkzeuge wie die „5Ps“ den Einstieg erleichtern, zeigen DDG und DSTIG mit praxisnahen Empfehlungen zur Gesprächsführung.
Intimgesundheit sollte beim Arzt kein Tabuthema sein
Nur eine Minderheit der Patientinnen und Patienten spricht mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt jemals über HIV oder sexuell übertragbare Infektionen. Dabei wünschen sich rund 90 Prozent genau diesen Austausch. Anlässlich des Welttages der sexuellen Gesundheit geben DDG und DSTIG praxisnahe Tipps für eine offene und vorurteilsfreie Gesprächsführung.
Sexuelle Gesundheit als Teil der Gesamtgesundheit
Die Weltgesundheitsorganisation definiert sexuelle Gesundheit als einen Zustand des körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität. Dazu gehört, lustvolle und sichere sexuelle Erfahrungen ohne Zwang, Diskriminierung und Gewalt machen zu können. „Sexuelle Gesundheit ist ein wesentliches Element der Gesamtgesundheit. Daher haben wir als Medizinerinnen und Mediziner die Aufgabe, das Thema Sexualität mit unseren Patient*innen zu besprechen“, sagt Prof. Norbert Brockmeyer, Dermatologe und Präsident der Deutschen STI Gesellschaft (DSTIG). Insbesondere in der Dermatologie, Urologie und Gynäkologie sollten Defizite in der Kommunikation abgebaut werden.
Deutliche Lücke zwischen Bedarf und Realität
Die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ aus dem Jahr 2020, der erste bundesweite, repräsentative Sex-Survey, zeigt ein klares Missverhältnis: Nur 21 Prozent der Männer und 31 Prozent der Frauen der fast 5.000 befragten Erwachsenen hat jemals mit einem Arzt oder einer Ärztin über HIV/Aids oder andere sexuell übertragbare Infektionen gesprochen. Andere Studien belegen dagegen, dass rund 90 Prozent der Patientinnen und Patienten gerne mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über Sexualität reden möchten.
Zeitdruck, Scham und Selbstreflexion
„Bei den Gründen, das Thema sexuelle Gesundheit im Gespräch mit Patient*innen auszulassen, stehen Zeitdruck, Scham und vermeintlich wichtigere Gesundheitsthemen weit oben“, erklärt Prof. Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie am HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der DDG. Sie rät zu einem strategischen Vorgehen: „Es fängt damit an, sich selbst zu beobachten, wie man sich als Fragende in dem Gespräch fühlt. Wenn man sich selbst beim Sprechen über Sexualität und STI unwohl fühlt, wird es der Patientin oder dem Patienten genauso gehen.“ Ebenso wichtig sei es, eigene Vorurteile zu identifizieren: Von Alter, Aussehen oder Familienstand lasse sich nicht auf sexuelle Aktivität schließen.
Empathische Formulierungen öffnen den Gesprächsraum
Direkte Fragen nach sexueller Orientierung, Gewohnheiten oder Partnerwechseln können das Gegenüber verstummen lassen, warnt Brockmeyer. Hilfreich sei es, voranzustellen, dass man alle Patientinnen und Patienten routinemäßig zur sexuellen Gesundheit befrage. „Wenn man zunächst nach dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht und dann nach der aktuellen sexuellen Identität fragt, zeigt man, dass man die Vielfalt sexueller Identität im Blick hat“, so Brockmeyer. Fragen sollten nicht wertend sein, und mitunter sei es sinnvoll zu erklären, warum eine bestimmte Frage gestellt wird.
Die „5Ps“ als strukturierte Anamnese
Für eine systematische Sexualanamnese empfehlen die Fachgesellschaften die „5Ps“ der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention: Partners, Practices, Protection from STI, Past History of STI und Pregnancy Intention.
„Wenn der Boden für ein vertrauensvolles und offenes Gespräch gelegt worden ist, können die wichtigen Details zu Sexualpartner*innen, sexuellen Praktiken, Prävention und früheren STI-Diagnosen erfragt werden“, sagt Hofmann.
Einleitende Sätze wie „An dieser Stelle unseres Gesprächs möchte ich einige Fragen zu Ihrem Sexleben stellen. Ist das für Sie in Ordnung?“ erleichtern den Übergang zu sensiblen Themen.
Individuelle Beratung statt Standardempfehlungen
Ein Frageleitfaden kann strukturieren, muss aber flexibel gehandhabt werden. „In der praktischen Umsetzung müssen die Fragen individuell auf das Gegenüber abgestimmt sein„, betont Brockmeyer. Auch die abschließenden Tipps zur Risikoreduktion sollten passgenau erfolgen: Wer in einer monogamen Beziehung lebt, braucht andere Empfehlungen als Personen mit häufig wechselnden Partnerinnen und Partnern. Am Ende des Gesprächs sollten Patientinnen und Patienten stets Gelegenheit für eigene Fragen erhalten. Die DSTIG bietet praxisnahe Workshops und Seminare zur Kommunikation über Sexualität, HIV und STI an; entsprechende Kommunikationstechniken sind zudem Inhalt der Zusatz-Weiterbildung Sexualmedizin.