Krebs und Schlaganfall treten häufiger gemeinsam auf als lange angenommen. Bereits kurz nach einer invasiven Krebsdiagnose steigt das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall deutlich an. Besonders gefährdet sind Patienten mit Pankreas-, Lungen- oder Ösophaguskarzinom, jüngere Betroffene sowie Menschen mit metastasierter Erkrankung. Kritisch ist vor allem das erste Vierteljahr nach Diagnosestellung.
Höchste Schlaganfall-Gefahr in den ersten Monaten nach Krebsdiagnose
Krebs und Schlaganfall zählen weltweit zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität – und beide Erkrankungen treten zunehmend gemeinsam auf. Rund 40% der Bevölkerung erhalten im Laufe ihres Lebens eine Krebsdiagnose, rund jeder vierte davon erleidet einen Schlaganfall\\.\** Aus neurologischer bzw. angiologscher Perspektive betrachtet: Etwa 10% aller Schlaganfälle trten bei Personen mit einer aktiven oder kürzlich diagnostizierten Krebserkrankung auf – und das oft früh nach der Diagnose. Systematische Metaanalysen belegen eine 1,7- bis 2,6-fach erhöhte Schlaganfallinzidenz nach einer Krebsdiagnose – das jährliche Grundrisiko in der Allgemeinbevölkerung von rund 0,4% steigt bei Krebspatienten auf schätzungsweise 0,7–1,0%. Angesichts unserer alternder Bevölkerung und den heute besseren Krebsprognosen – mit weltweit steigenden Überlebensraten – dürfte diese Zahl weiter steigen.
Zwei nationale Register verknüpft
Ein Team um Carmit Libruder, Ramat Gan (Israel), ging jetzt der Frage nach, in welchem Ausmaß das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall in den ersten 12 Monaten nach einer invasiven Krebsdiagnose gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht ist – und welche Tumorentitäten, Altersgruppen und Krankheitsstadien besonders betroffen sind. Um dies zu beantworten bedienten sie sich der Daten des israelischen nationalen Krebsregisters (INCR) sowie des nationalen Schlaganfallregisters (INSR).
Insgesamt schlossen die Studienautoren 182.221 Erwachsene ab 40 Jahren, die zwischen 2014 und 2021 erstmals eine invasive Krebsdiagnose erhalten hatten, in ihre bevölkerungsbasierte Kohortenstudie ein. Ausgeschlossen waren Personen mit vorbestehendem ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall sowie mit benignen Tumoren oder Carcinoma in situ.
Das mittlere Diagnosealter lag bei 67,1 Jahren, 52,0% waren Frauen. 23,2% wiesen ein lokalisiertes, 15,5% ein regionales und 13,4% ein metastasiertes Stadium auf; bei 47,9% fehlte die Stadienangabe. Primärer Endpunkt war das Auftreten eines ersten ischämischen Schlaganfalls innerhalb eines Jahres nach Krebsdiagnose. Analysiert wurden standardisierte Inzidenzraten (SIR) im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sowie die kumulative Inzidenz unter Berücksichtigung des Todes als konkurrierendes Ereignis.
Das sind die zentralen Erkenntnisse der Studie
Die frühe Phase nach einer Krebsdiagnose ist – so die Studienautoren – ein kritisches Zeitfenster mit deutlich erhöhtem Risiko für einen ischämischen Schlaganfall. Was diese Studie dabei besonders hervorhebt:
Erstmals wurde anhand einer großen nationalen Registerdatenbank mit über 182.000 Patienten gezeigt, dass das Risiko bereits in den ersten 3 Monaten nach Diagnose seinen Höchstwert erreicht, um danach schrittweise abzunehmen – wenngleich es auch nach einem Jahr noch moderat erhöht bleibt. Ein zeitlicher Gradient, der in dieser Präzision bislang kaum dokumentiert war.
Neu ist zudem die differenzierte Risikoabschätzung nach Tumorentität, Alter und Stadium: Besonders betroffen sind
- Patienten mit Pankreas-, Lungen-, Ösophagus- und Gallenblasenkarzinom
- Jüngere Patienten zwischen 40 und 54 Jahren – die ein mehr als 3-fach erhöhtes Risiko tragen
- Patienten im metastasierten Stadium
Dass gerade jüngere Krebspatienten relativ stärker gefährdet sind als ältere, widerspricht der intuitiven Erwartung und unterstreicht den eigenständigen, tumorbiologischen Beitrag zum Schlaganfallrisiko jenseits klassischer vaskulärer Risikofaktoren.
Die kritische Phase beginnt direkt nach der Diagnose
Insgesamt konnte das Team so 162.593,4 Personenjahre und 1.125 erstmalige ischämische Schlaganfälle überblicken. Im ersten Jahr nach der Krebsdiagnose betrug die standardisierte Inzidenzrate über alle Tumorentitäten hinweg 1,8 – das Schlaganfallrisiko war damit gegenüber der Allgemeinbevölkerung nahezu verdoppelt. Besonders ausgeprägt zeigte sich dieser Effekt in den ersten 3 Monaten nach der Diagnose: Hier erreichte das Risiko mit einer SIR von 2,5 seinen Höchstwert Im weiteren Verlauf nahm es schrittweise ab, blieb aber auch nach 1 Jahr noch moderat erhöht.
Je nach Krebsart fielen die Ergebnisse sehr unterschiedlich aus. Das höchste Schlaganfallrisiko trugen Patienten mit einem Pankreaskarzinom, hier war das Risiko 6-mal höher. Dicht danach kamen Lungen-, Gallenblasen- und Ösophaguskarzinome mit einem 3- bis 4-fach erhöhtem Schlaganfallrisiko – wenngleich letztere auf kleineren Fallzahlen basieren. Ein 2–3-fach erhöhtes Risiko fand sich zudem bei Harnblasen-, Magen- und Leberkarzinomen, myeloischen Leukämien sowie Tumoren im Zentralnervensystem (ZNS). Kein signifikant erhöhtes Risiko zeigte sich dagegen für Mamma- und Prostatakarzinome.
Nicht die Ältesten tragen das höchste relative Risiko
Ein deutlicher Alters- und Stadiengradient prägte die Daten: Jüngere Krebspatienten zwischen 40 und 54 Jahren trugen ein mehr als 3-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko – bei Patienten ab 75 Jahren fiel dieser Wert deutlich niedriger aus. Noch eindrücklicher zeigte sich dieser Alterseffekt bei einzelnen Tumorentitäten: Beim Lungen- und Pankreaskarzinom sank die SIR von der jüngsten zur ältesten Altersgruppe jeweils um ein Vielfaches.
Große Unterschiede zwischen den Tumorentitäten
Auch das Tumorstadium spielte eine wesentliche Rolle: Bei lokalisierter Erkrankung war das Risiko nur moderat erhöht, bei metastasierter Erkrankung hingegen deutlich stärker – ein hochsignifikanter Trend.
Bezogen auf die absolute Häufigkeit erlitten innerhalb eines Jahres nach Krebsdiagnose rund 0,6% der Patienten einen ischämischen Schlaganfall, verglichen mit 0,4% in der Allgemeinbevölkerung. Je nach Tumorart bestand dabei eine erhebliche Bandbreite: Während beim Mammakarzinom 3 von 1.000 Patienten betroffen waren, lag die Rate beim Pankreaskarzinom um ein Mehrfaches höher (16 von 1.000 Patienten).
Womit lässt sich dieses erhöhte Risiko erklären? Die Autoren nennen mehrere mögliche Mechanismen: Tumoren können die Blutgerinnung aktivieren (Hyperkoagulabilität), systemische Entzündungsreaktionen auslösen und sogenannte Mikrovesikel freisetzen, die die Gerinnung zusätzlich fördern. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen bestimmter Krebsmedikamente sowie der Strahlentherapie.
Plädoyer der Autoren: Schlaganfallprävention früh mitdenken
Zerebrovaskuläre Risikofaktoren sind nach Ansicht der Autoren systematisch und frühzeitig in die onkologische Routineversorgung zu integrieren – insbesondere bei den identifizierten Hochrisikogruppen und im Rahmen eines multidisziplinären Ansatzes.
Die Erstellung dieser Zusammenfassung erfolgte unterstützt durch KI-basierte Prozesse, die finale redaktionelle Verantwortung liegt bei unserer Redaktion.