Wer in Deutschland auf Alkohol verzichtet, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck: Laut einer repräsentativen Umfrage der Pronova BKK mussten sich 42% der Befragten schon einmal für ihr Nein zum Drink erklären. Die Studie zeigt zudem, wie stark Alkohol sozial normalisiert ist – und welche Übergriffe durch alkoholisierte Personen Betroffene erleben.
Alkoholverzicht: 42% müssen sich rechtfertigen
Rechtfertigungsdruck beim Nein zum Drink
Der Verzicht auf Alkohol ist einer Umfrage zufolge in Deutschland häufig noch erklärungsbedürftig. In einer repräsentativen Befragung gaben 42% der Befragten an, dass sie sich schon einmal dafür rechtfertigen mussten, wie die Krankenkasse Pronova BKK mitteilte.
Sie hatte die Umfrage nach eigenen Angaben für die Studie «Alkohol in Alltag, Familie und Beruf» durchführen lassen. Online befragt wurden demnach dafür im Juli und August bundesweit 1.228 Frauen und Männer ab 18 Jahren.
Alkohol als fester Bestandteil sozialer Anlässe
86% von ihnen gaben an, generell Alkohol zu trinken. 38% konsumieren demnach mindestens einmal pro Woche alkoholische Getränke. Männer sind dabei deutlich stärker vertreten: Von ihnen greift den Zahlen zufolge sogar jeder Zweite mindestens einmal pro Woche zu Glas oder Flasche, während es bei den Frauen nur etwas mehr als jede Vierte ist.
Als einen Grund gaben 39% der Befragten den Angaben zufolge an, dass das Trinken bei bestimmten Anlässen einfach dazugehöre.
«Weil Alkohol in unserer Gesellschaft stark in bestimmte soziale Situationen verankert ist, wird das Thema in vielen Kontexten nicht als bewusste Entscheidung wahrgenommen, sondern normalisiert.»
– Patrizia Thamm, Wirtschaftspsychologin und Referentin Gesundheitsförderung bei der Pronova BKK
Soziale Norm erzeugt stillen Erwartungsdruck
«Wenn etwas als soziale Norm gilt, entsteht oft die unausgesprochene Erwartung, dass sich alle daran orientieren.» Dazu komme ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. «Gemeinsames Trinken kann ein soziales Ritual sein und Verbundenheit signalisieren, Verzicht wird dann als Abgrenzung wahrgenommen.»
So habe sich fast jeder oder jede dritte Befragte schon mehrfach erklären müssen, weil er oder sie einen Drink abgelehnt hätten. «Dabei sollte Alkoholverzicht nicht begründet werden müssen», sagte Thamm. Nicht der Alkoholverzicht sei fragwürdig, «sondern die gesellschaftliche Erwartung, dass Trinken der Normalfall ist».
Übergriffe und unangenehme Erfahrungen durch Betrunkene
Obwohl die große Mehrheit der Befragten selbst Alkohol konsumiert, empfindet laut Studie fast die Hälfte den Konsum anderer zuweilen als unangenehm. 46% hätten angegeben, eine Feier oder Party schon mal früher verlassen zu haben, weil andere zu betrunken waren. Jeder oder jede Dritte gab demnach an, schon mindestens einmal von einer alkoholisierten Person angegriffen worden zu sein.
Mehr als jede dritte Frau wurde der Umfrage zufolge schon von einer alkoholisierten Person sexuell belästigt – bei mehr als der Hälfte von ihnen kam dies bereits mehrfach vor. Auch 19% der männlichen Befragten berichteten von entsprechenden Erlebnissen.
Streeck fordert offeneren Umgang mit Alkoholrisiken
Erst vor wenigen Monaten hatte der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck bemängelt, über die Risiken von Alkohol werde «oft zu spät, zu vorsichtig» gesprochen oder erst, wenn der Konsum längst problematische Ausmaße angenommen hat. Alkohol könne Krebs begünstigen, Erkrankungen von Herz und Kreislauf fördern, süchtig machen und Familien schwer belasten, zitierte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) den Bundesbeauftragten Mitte Juni angesichts der Aktionswoche Alkohol.
«Weniger Alkohol ist für viele Menschen kein Verzicht, sondern ein Gewinn an Gesundheit, Freiheit und Lebensqualität.»
– Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck
Die DHS betonte, es gelte, Alkoholkonsum zu hinterfragen, zu senken oder ganz darauf zu verzichten.


