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Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen Gestationshypertonie, chronische Hypertonie und Präeklampsie

|von Holger Stepan

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen maternaler und fetaler Komplikationen. Der Beitrag gibt einen kompakten Überblick über Diagnostik, medikamentöse Therapie und das geburtshilfliche Management.

Zu den hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen gehören die Gestationshypertonie, die chronische Hypertonie und die Präeklampsie. Die Diagnose erfolgt durch Erfassung der Risikofaktoren und der klinischen Symptome, Blutdruckmessung, Urinuntersuchung auf Proteinurie und laborchemische Untersuchungen. Eckpfeiler der Therapie sind die Gabe von Antihypertensiva und die Konvulsionsprophylaxe mit Magnesiumsulfat. Das geburtshilfliche Vorgehen hängt vor allem vom Gestationsalter und vom Schweregrad der Erkrankung ab. Schwangere mit Präeklampsie sollten für mindestens 48 h post partum intensiv überwacht werden. Zur Prädiktion eignen sich kombinierte Verfahren im Rahmen des Ersttrimester-Screening, zur Prävention die orale Gabe von niedrigdosierter ASS möglichst vor der 16. SSW.

Definition

  • Hypertonie:
    • Blutdruck systolisch über 140 mmHg und/oder diastolisch über 90 mmHg
    • schwere Hypertonie: Blutdruck über 160 mmHg und/oder über 110 mmHg (Kontrolle innerhalb von 15 min erforderlich)
  • Gestationshypertonie:
    • AWMF-Leitlinie 015/018 [10]: Im Verlauf der Schwangerschaft neu auftretende Blutdruckwerte systolisch ≥140 und/oder diastolisch ≥90 mmHg bei einer zuvor normotensiven Schwangeren ohne zusätzliche Kriterien, die eine Präeklampsie definieren.
  • chronische Hypertonie:
    • AWMF-Leitlinie 015/018 [10]: Präkonzeptionell oder im ersten Trimester diagnostizierte Hypertonie (entsprechend der Kriterien der Nationalen Versorgungsleitlinie Hypertonie).
      • essenzielle (primäre) Hypertonie (mehr als 90% der Fälle)
      • sekundäre Hypertonie (z.B. chronische Nierenerkrankungen)
      • Weißkittelhypertonie
    • Weißkittelhypertonie (White Coat Hypertension):
      • laut ISSHP erhöhte Blutdruckwerte (über 140/90 mmHg) in Schwangerenvorsorge bzw. Klinik, aber normale Blutdruckwerte bei häuslicher Messung oder bei der Arbeit (unter 135/85 mmHg) [6]
      • Risiko für Gestationshypertonie bei ca. 40% und für Präeklampsie bei 8%
    • maskierte Hypertonie:
      • laut ISSHP normale Blutdruckwerte in Schwangerschaft bzw. Klinik, aber erhöhte Blutdruckwerte z.B. in häuslicher Umgebung oder bei der Arbeit [6]
      • meist erkannt durch 24-h-Blutdruck-Monitoring
      • vor allem bei unerklärbaren Endorganschäden durch Hypertonie (z.B. chronischer Nierenerkrankung, Linksherzhypertrophie), aber ohne apparente Hypertonie
  • Präeklampsie:
    • AWMF-Leitlinie 015/018 [10]: Eine chronische oder Gestationshypertonie mit mindestens einer in der Schwangerschaft neu auftretenden Organmanifestation, welche keiner anderen Ursache zugeordnet werden kann. Zu den typisch betroffenen Organsystemen zählen insbesondere Plazenta (fetale Wachstumsrestriktion), Niere, zentrales Nervensystem, Leber, hämatologisches System, Lunge.
    • weitere Differenzierung:
      • Early-Onset-Präeklampsie: Auftreten vor 34+0 SSW
      • frühe Präeklampsie (Preterm Preeclampsia): vor 37+0 SSW
      • Late-Onset-Präeklampsie (Präeklampsie in Terminnähe): nach 37+0 SSW
  • Pfropfpräeklampsie:
    • Der Begriff „Propfpräeklampsie“ ist im deutschen Sprachraum historisch. Hierunter wurde eine chronische Hypertonie mit nach der 20. SSW auftretender neuer Proteinurie oder signifikanten Organfunktionsstörungen verstanden [6]. Da eine Unterscheidung im klinischen Kontext keine andere Handlungskonsequenz nach sich zieht, wurde der Begriff nicht mehr als separate Kategorie aufgenommen.
OrganeSymptome und Komplikationen
Zentralnervensystem
  • Kopfschmerzen, Unruhe, Bewusstseinseintrübung, Hyperreflexie, Ohrensausen
  • tonisch-klonischer Krampfanfall (Eklampsie)
  • Koma, zerebrale Blutungen, Hirnödem (Folge: Posteriores reversibles Enzephalopathiesyndrom (PRES) / Infarkte)
Augen
  • reduzierte Sehschärfe, Fotopsien, Gesichtsfeldausfälle, Doppeltsehen, Amaurose
  • Retinaödem, Retinaablösungen, Retinablutungen, Optikusatrophie (selten)
Lunge
  • Dyspnoe, Zyanose (Lungenödem)
  • nach eklamptischem Anfall: Aspiration (Folge: Pneumonie), Larynxödem, Atemstillstand
Leber
  • rechtsseitige Oberbauchschmerzen, epigastrische Schmerzen, Übelkeit bzw. Erbrechen, Druckdolenz der Leber (HELLP-Syndrom)
  • Leberparenchymnekrosen, Leberhämatome und Leberruptur (in 1–2% der Fälle)
Nieren
  • Oligurie, Anurie, Hämoglobinurie (Hämolyse; akutes Nierenversagen)
  • unter Umständen Notwendigkeit der Dialyse
Blutgerinnung
  • Petechien, Hämatome, gastrointestinale Blutungen, Hämaturie, unstillbares Nasenbluten (disseminierte intravaskuläre Gerinnung)
  • Verbrauchskoagulopathie, Hämolyse
Plazenta
  • FGR, vorzeitige Plazentalösung (akute bzw. chronische intrauterine Hypoxie, Folge: intrauteriner Fruchttod)
  • Veränderung der plazentaren Angiogenesefaktoren wie zum Beispiel sFlt-1 und PlGF.
HELLP-Syndrom = Kombination aus Hämolyse, erhöhter Aktivität der Leberenzyme und Thrombozytopenie
FGR = fetale Wachstumsretardierung
sFlt-1 = soluble Fms-like Tyrosinkinase-1
PlGF = Placental Growth Factor
Tab. 12.46 Organmanifestation, klinische Symptome und Komplikationen bei schwerer Präeklampsie, Eklampsie und HELLP-Syndrom in Anlehnung an Pecks et al. Hypertensive Disorders in Pregnancy (HDP): Diagnostics and Therapy. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k-Level, AWMF Registry No. 015/018, June 2024)

Cave

  • Zwischen 10 und 50% (im Mittel 25%) der Schwangeren mit Gestationshypertonie entwickeln innerhalb von 1–5 Wochen eine Präeklampsie.
  • Etwa 25% der Schwangeren mit chronischer Hypertonie entwickeln eine prognostisch ungünstige Pfropfpräeklampsie, 50% davon vor der 34. SSW. Risikofaktoren für einen Übergang in eine Pfropfpräeklampsie sind vor allem ein BMI über 30 kg/m2, Nikotinabusus, eine chronische Nierenerkrankung und eine Präeklampsie in einer vorangegangenen Schwangerschaft.

Merke

Zwischen der 16. und der 20. SSW kommt es zu einem physiologischen Blutdruckabfall. Die Schwangere ist dann oft normotensiv und der Blutdrucknadir kann eine chronische Hypertonie maskieren.

Synonyme

  • Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen

Keywords

  • Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen
  • Präeklampsie
  • Gestationshypertonie
  • chronische Hypertonie
  • Weißkittelhypertonie
  • maskierte Hypertonie
  • Pfropfpräeklampsie
  • gestörte Trophoblastinvasion
  • Endotheldysfunktion
  • Early-Onset-Präeklampsie
  • Organmanifestation
  • Thrombozytopenie
  • Risikofaktoren
  • sFlt-1/PIGF-Quotient
  • Endoglin
  • häusliche Blutdruckmessung
  • 24-h-Blutdruck-Monitoring
  • Proteinurie
  • Gestationsproteinurie
  • Ödeme
  • antihypertensive Therapie
  • Zielblutdruckwerte
  • hypertensiver Notfall
  • antikonvulsive Therapie
  • Magnesiumsulfat
  • Vorgehen in Abhängigkeit vom Gestationsalter
  • Entbindungsmodus
  • Geburtseinleitung
  • Wiederholungsrisiko
  • Langzeitfolgen
  • mütterliche und perinatale Mortalität
  • Prädiktion
  • Ersttrimester-Screening
  • Doppler-Ultraschall der Aa. uterinae
  • Notching
  • Angiogenesefaktoren
  • niedrigdosierte ASS
  • Kalzium

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