Paracetamol in der Schwangerschaft rückt erneut in den Fokus: Bei Töchtern exponierter Mütter wurden kleinere Eierstöcke, weniger Follikel und niedrigere Spiegel an Fortpflanzungshormonen berichtet. Erste Hinweise deuten auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung – mit möglichen Folgen für Fruchtbarkeit und Menopause.
Paracetamol in der Schwangerschaft beeinflusst Eierstöcke der Töchter
Paracetamol in der Schwangerschaft: Kopenhagener Studie findet bei Töchtern kleinere Eierstöcke, weniger Eibläschen und niedrigere Hormonspiegel. (© Jan Woitas/dpa)
Die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft könnte einer Studie zufolge bei Mädchen womöglich die Fruchtbarkeit und den Zeitpunkt der Menopause beeinflussen. Mädchen, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, wiesen im Alter von 3 Monaten kleinere Eierstöcke, weniger Follikel, kleinere Gebärmütter und niedrigere Spiegel an Fortpflanzungshormonen auf, wie das Forschungsteam im Fachjournal «Human Reproduction Open» berichtet.
Die Ergebnisse stünden im Einklang mit Befunden aus Tierstudien, denen zufolge Paracetamol während der Trächtigkeit eine eingeschränkte Fruchtbarkeit sowie eine verkürzte reproduktive Lebensspanne der weiblichen Nachkommen zur Folge haben kann, erläutert das Team um Dr. Margit Bistrup Fischer, Kopenhagen (Dänemark). Bei der aktuellen Analyse handle es sich aber um eine Beobachtungsstudie, damit können die Daten den Zusammenhang nicht ursächlich belegen. Ob die Unterschiede tatsächlich Folgen für die Fruchtbarkeit oder den Zeitpunkt der Menopause haben, müsse in längerfristigen Nachbeobachtungen geklärt werden.
Die Grundlage der späteren Fortpflanzung wird bereits im Mutterleib gelegt: Mädchen kommen mit der gesamten Zahl an Eizell-Anlagen zur Welt, die ihnen lebenslang zur Verfügung steht. Ist der Vorrat erschöpft, kommt es zur Menopause. Das ist der Zeitpunkt der letzten Regelblutung, anschließend endet die Fruchtbarkeit dauerhaft.
Debatte um Anpassung der Anwendungsempfehlungen
In einem begleitenden Kommentar in «Human Reproduction Open» betont Prof. Christian De Geyter, Basel (Schweiz), die große Bedeutung der Ergebnisse. Die Empfehlungen zur Anwendung von Paracetamol während der Schwangerschaft müssten nun überarbeitet werden, meint er.
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Fischer MB, Mola G, Sundberg K et al. Fetal exposure to paracetamol is associated with altered markers of ovarian development and reduced uterine volume in girls: the COPANA study. Hum Reprod Open 2026; 2026(3):hoag073. DOI: 10.1093/hropen/hoag073
De Geyter C. Connecting prenatal exposure to paracetamol with postnatal reproductive development: a first of its kind study in reproductive toxicology.Hum Reprod Open 2026; 2026(3):hoag074. DOI: 10.1093/hropen/hoag074
Paracetamol ist das am häufigsten genutzte Schmerzmittel in der Schwangerschaft. Die Wissenschaftler um Fischer hatten Daten von 685 Frauen im ersten Schwangerschaftsdrittel analysiert. Die werdenden Mütter gaben ihre Paracetamol-Nutzung im 2-Wochen-Rhythmus an, zusätzlich wurden Urinproben analysiert. Nach Ende der Schwangerschaften wurden 302 Töchter im Alter von im Mittel 106 Tagen untersucht.
Frühe und späte Exposition zeigen unterschiedliche Effekte
Eine frühe Einnahme vor der 17. Schwangerschaftswoche war mit einem geringeren Eierstockvolumen und einem geringeren Gebärmuttervolumen bei den Töchtern verbunden. Eine Einnahme ab der 17. Schwangerschaftswoche stand mit einer geringeren Zahl an Follikeln – der Strukturen, die unreife Eizellen enthalten – in Zusammenhang. In einer Untergruppe von Mädchen, die ausschließlich früh exponiert waren, waren zudem die Werte des Anti-Müller-Hormon (AMH) niedriger, das als Marker für die Eizellreserve gilt.
Bei der Einnahme in der frühen Phase ergab sich den Autoren zufolge konkret ein um rund 40% geringeres Eierstockvolumen und ein um 13% geringeres Gebärmuttervolumen bei den Mädchen. Bei Paracetamol-Einnahme in der späten Schwangerschaftsphase waren es 23% weniger Eibläschen. Die Auswertungen deuteten zudem auf einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang hin.
Die Frauen hatten den Forschenden zufolge vergleichsweise geringe Mengen Paracetamol eingenommen, keine überschritt die empfohlene Tageshöchstdosis von 4.000 Milligramm. Am häufigsten wurden Kopf- oder Migräneschmerzen als Grund genannt, gefolgt von anderen Schmerzen vor allem des Bewegungsapparats.
Langzeitdaten deuten auf anhaltende Veränderungen hin
Die Forscher werteten außerdem Daten einer separaten Gruppe von 1.210 Mädchen aus, die von der Säuglingszeit bis in die Jugend begleitet wurden. Dort war eine Paracetamol-Nutzung der Mutter während der Schwangerschaft mit einer kleineren Gebärmutter der Töchter in der Pubertät und einem kleineren Eierstockvolumen in der Adoleszenz, der Übergangsphase von der Kindheit zum Erwachsenenalter, verbunden. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass die beobachteten Unterschiede über die frühe Kindheit hinaus fortbestehen könnten.
«Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, sollten sich durch unsere Ergebnisse nicht beunruhigen lassen. Unsere Studie untersuchte Zusammenhänge auf Populationsebene und kann keine Vorhersagen für einzelne Frauen oder Kinder treffen. Viele Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, hatten Töchter, deren Eierstockmaße denen von Töchtern ähnelten, deren Mütter kein Paracetamol eingenommen hatten.»
— Dr. Margit Bistrup Fischer, Kopenhagen (Dänemark)
Der nicht an der Studie beteiligte Experte für Reproduktionstoxologie, Dr. Wolfgang Paulus, Ulm, weist darauf hin, dass die Unterschiede in der frühen Lebensphase nur teilweise signifikant und marginal ausfielen. Ob diese langfristig klinische Relevanz hätten, bleibe ungewiss, dafür brauche es Forschung mit längerer Nachbeobachtungszeit.
Trump-Behauptung zu Autismus wissenschaftlich widerlegt
US-Präsident Donald Trump hatte schwangere Frauen bei einer Pressekonferenz im September vergangenen Jahres vor der Einnahme von Paracetamol – in den USA unter dem Markennamen Tylenol bekannt – gewarnt. Er stellte dabei allerdings einen Zusammenhang mit Autismus beim Kind her. Experten widersprachen vehement. Eine Übersichtsstudie bestätigte einige Monate darauf erneut, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft nicht das Risiko für Autismus, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder geistige Behinderungen erhöht.
Mittel der ersten Wahl in Deutschland
Paracetamol ist Experten zufolge das am häufigsten verwendete Schmerz- und Fiebermittel in der Schwangerschaft und wird weltweit als Mittel der ersten Wahl zur Schmerzlinderung und Fiebersenkung empfohlen. Auf einer Aufklärungsseite des Bundesgesundheitsministeriums heißt es, Paracetamol sei bei leichten bis mittelstarken Schmerzen sowie Fieber während der gesamten Schwangerschaft erlaubt. Bei längerer Einnahme sollten Schwangere aber ärztlichen Rat einholen.
Auch das Portal Embryotox der Charité, auf dem sich Schwangere über verschiedenste Arzneimittel und die Folgen einer Einnahme informieren können, stuft Paracetamol als «grün» ein. Das bedeutet: Es wird als Medikament der Wahl empfohlen – dennoch sei immer eine Kosten-Nutzen-Abwägung nötig. Die Charité weist auch darauf hin, dass die unterschiedlichen Ergebnisse zahlreicher Studien zu Paracetamol in der Schwangerschaft und ihre klinische Relevanz in Fachkreisen kontrovers diskutiert werden.
Niedrigste wirksame Dosis bleibt Leitprinzip
Fischer betont, dass die neuen Ergebnisse Frauen nicht davon abhalten sollten, Paracetamol einzunehmen, wenn dies medizinisch notwendig sei. Sie sollten vielmehr zu Gesprächen mit dem betreuenden Arzt darüber anregen, «wann eine medikamentöse Behandlung notwendig ist und wann alternative Ansätze in Betracht gezogen werden können».
Auch Paulus betont, die aktuellen Befunde sollten Frauen nicht davon abhalten, in der Schwangerschaft gelegentlich Paracetamol zu verwenden. Keinesfalls sollten alternative Mittel eingesetzt werden, die nachweislich Komplikationen auslösen können. «Sinnvoll bleibt das Prinzip, die niedrigste wirksame Dosis über die kürzest mögliche Behandlungsdauer in der Schwangerschaft einzusetzen», so der Mediziner.