Hitzewellen erhöhen nachweislich das Risiko für Schlaganfälle und verschärfen Symptome bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose und Demenz. Die DGN fordert hitzeresiliente Kliniken, Pflegeeinrichtungen und kühle Notunterkünfte. Neue Daten zeigen zudem, dass eine personalisierte Schlaganfall-Warn-App einen relevanten Teil hitzebedingter Todesfälle verhindern könnte.
Wenn das Thermometer steigt, leidet das Nervensystem
Hitze ist ein relevanter Risikofaktor für verschiedene – auch für neurologische – Erkrankungen. Gerade die Datenlage zum Schlaganfall ist sehr aussagekräftig: Hohe Temperaturen und insbesondere sehr warme Nächte erhöhen das Schlaganfallrisiko. So steigt mit zunehmenden nächtlichen Hitzeereignissen die Zahl hitzebedingter Schlaganfälle deutlich [1], und auch die Sterblichkeit nach Schlaganfällen erhöht sich während Hitzeperioden.
Parkinsonpatienten wiederum erleben eine Verschlechterung motorischer und nicht motorischer Symptome während Hitzewellen. Zudem steigt die Rate parkinsonbedingter Krankenhausaufnahmen, insbesondere bei älteren Betroffenen [2]. Und auch bei Multipler Sklerose (MS) verschlechtern hohe Umgebungstemperaturen neurologische Symptome und begünstigen Krankenhausaufnahmen [3]. Das Auftreten eines im Einzelfall lebensgefährlichen Delirs wird bei Demenzen gehäuft während Hitzewellen beobachtet.
Hitzeschutz rettet Leben – auch in Kliniken und Pflegeheimen
„Auch wenn bei Demenz, Parkinson und MS die Hitze nicht krankheitsursächlich ist, zeigen diese Daten das große Potenzial von Hitzeschutzmaßnahmen für die Sekundärprävention. Todesfälle könnten verhindert und viele Krankenhausaufenthalte könnten den Betroffenen und dem Gesundheitssystem erspart werden. Wir unterstützen daher ausdrücklich das Positionspapier der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) [4] zur Krisenresilienz bei Extremhitze.„
Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
Besonders unterstreicht Berlit die Forderung, das Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen hitzeresilient aufzustellen: „Nicht klimatisierte neurologische Reha- und Pflegeeinrichtungen sollten der Vergangenheit angehören, natürlich auch nicht klimatisierte Kliniken. Wir erhöhen dadurch die Krankheitslast neurologischer Patientinnen und Patienten.“
Der Experte verweist ebenfalls auf das große Potenzial des Hitzeschutzes auf die Primär- und Sekundärprävention: „Zahlreiche Schlaganfälle und ihr Wiederauftreten könnten ganz vermieden werden“. Aktuellen Studiendaten zufolge steigt bei Hitze die Schlaganfallmortalität in der Allgemeinbevölkerung um 13,8% stieg, bei älteren Menschen betrug der Anstieg sogar 16,4%. Auch Christian Thielscher, Mitglied der Jungen Neurologie der DGN und der AG Neurologie von KLUG sowie Erstautor eines wegweisenden aktuellen Reviews zur Schlaganfallprävention [5] betont: „Das Schlaganfallrisiko ist eng mit dem Klimaschutz verknüpft.“
Schlaganfall-Warnung per App: Leben retten per Smartphone
In Zukunft könnte ein „Stroke Heat Risk Prediction Model“, wie es beispielsweise ein chinesisches Forschertram entwickelt hat [6], einen erheblichen Teil hitzebedingter Schlaganfalltodesfälle verhindern. Durch die Nutzung von GPS (Global Positioning System) zur Standortbestimmung und unter Bewertung grundlegender persönlicher Daten wie Alter, Geschlecht, Risikofaktoren und Medikamenteneinnahme prognostiziert das Tool die hitzebedingten Gesundheitsrisiken im Hinblick auf Schlaganfälle für den aktuellen Tag und die nächsten 7 Tage. Zudem liefert die App maßgeschneiderte Empfehlungen zu Ernährung, körperlicher Aktivität, Aufenthalt im Freien, Temperaturregelung in den eigenen 4 Wänden sowie ärztlichen Konsultationen.
„Wir glauben, dass eine solche individualisierte ‚Schlaganfallvorhersage-App‘, wenn sie ausreichend validiert wurde, durchaus ein wirksames Präventionstool sein könnte. Menschen, denen eine App auf ihrem Handy sagt, dass ihr persönliches Schlaganfallrisiko an einem bestimmten Tag hoch oder sogar extrem hoch ist, werden ihr Verhalten der Hitze anpassen und die Ratschläge umsetzen – im Gegensatz zu allgemeinen Aufrufen“. Eigene Risiken werden oft unterschätzt, das nennt die Wissenschaft Optimismus-Bias.
Allerdings geben die Experten auch zu bedenken, dass die alleinige Warnung ohne eine Hitzeschutz-Infrastruktur wenig nützt: „Wenn die Gefährdeten keine Möglichkeit haben, eine kühle Umgebung aufzusuchen, ist der Alert nicht zielführend.“
Fazit: Hitze ist Nervensache – jetzt handeln
Hitzewellen sind ein hochrelevanter, gut belegter Risikofaktor für Schlaganfälle und für Krankheitsverschlechterungen bei Parkinson, Multipler Sklerose und Demenz – mit messbarem Anstieg von Mortalität und Hospitalisierungen. Für die hausärztliche und internistische Praxis ergibt sich daraus ein konkreter Auftrag: vulnerable Patientinnen und Patienten frühzeitig identifizieren, strukturiert zu Hitzeschutz beraten und Medikation (z. B. Diuretika, Antihypertensiva) saisonal überprüfen.
FAQ – Häufige Fragen
Hohe Temperaturen und warme Nächte erhöhen das Schlaganfallrisiko sowie die Sterblichkeit nach einem Schlaganfall. Zudem verschlechtern sich bei Hitze die Symptome von Parkinson, Multipler Sklerose (MS) und Demenz, was zu mehr Krankenhausaufnahmen führt.
Hitzeschutzmaßnahmen in der Primär- und Sekundärprävention können zahlreiche Schlaganfälle verhindern, Todesfälle vermeiden und das Gesundheitssystem entlasten. Prof. Berlit von der DGN fordert daher die Klimatisierung von Kliniken, Reha- und Pflegeeinrichtungen, um die Krankheitslast neurologischer Patienten zu senken.
Die App nutzt GPS-Standortdaten und persönliche Faktoren (Alter, Geschlecht, Risikofaktoren, Medikation), um das hitzebedingte Schlaganfallrisiko für den aktuellen Tag und die folgenden 7 Tage zu prognostizieren. Zusätzlich liefert sie maßgeschneiderte Verhaltensempfehlungen (z. B. zu Ernährung, Aktivität und Raumtemperatur).
Hausärztliche und internistische Praxen haben den klaren Auftrag, vulnerable Patientinnen und Patienten frühzeitig zu identifizieren, sie strukturiert zum Hitzeschutz zu beraten und deren Medikation (wie Diuretika oder Antihypertensiva) saisonal zu überprüfen.