Krankschreibung ab dem ersten Tag und Aus für die telefonische AU: Die Koalitionspläne gegen hohe Krankenstände könnten nach hinten losgehen. DIW-Ökonom Daniel Graeber warnt vor vollen Wartezimmern, mehr Ansteckungen und zusätzlichem Präsentismus – während die eigentlichen Kostentreiber Langzeit- und psychische Erkrankungen bleiben.
Krankschreibung ab Tag eins: DIW warnt vor mehr Fehltagen
Attestpflicht ab Tag eins: Ökonom warnt vor Bumerang-Effekt
Der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet nicht, dass die von Union und SPD geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen den Krankenstand in Deutschland spürbar senken. Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne stattdessen zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen.
«Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären», warnt Graeber.
Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht. Analysen auf Basis von Daten der Krankenkasse Barmer gäben keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen. Der Anteil der Telefon- oder Video-Krankschreibungen habe bei lediglich etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen gelegen, sagte er.
Langzeiterkrankungen und Psyche als eigentliche Kostentreiber
Wichtiger seien andere Faktoren wie die seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) vollständigere Erfassung von Krankmeldungen, starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen. So hätten 2024 Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausgemacht hätten. Häufig gehe es dabei um Muskel-Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Hier würde gesundheitliche Prävention mehr helfen, so Graeber.
Auch in der Bevölkerung stoßen die Koalitionspläne einer YouGov-Umfrage zufolge eher auf Ablehnung. Demnach sind 59 Prozent der Befragten gegen eine Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag, 31 Prozent begrüßen sie. Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Erkrankungen lehnen 58 Prozent ab, 33 Prozent befürworten sie. Für die repräsentative Umfrage wurden 6.200 Erwachsene in Deutschland befragt.
Gewerkschaften fürchten Präsentismus und überlastete Praxen
Kritik kommt auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die AU-Pflicht ab dem ersten Tag könne Präsentismus fördern – also Arbeiten trotz Krankheit. Dies habe negative Folgen wie weniger Produktivität und mehr chronische Erkrankungen. Die Kombination aus Attestpflicht ab Tag eins und der Abschaffung telefonischer Krankschreibungen führe zudem «direkt in die Überlastung aller Arztpraxen im Land», sagte Piel.
Union und SPD hatten sich im Koalitionsausschuss darauf verständigt, Beschäftigte grundsätzlich bereits ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu verpflichten. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft werden. Beide Vorhaben sollen im Gesetzgebungsverfahren noch konkret ausgestaltet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Verschärfung damit begründet, die Zahl der Krankentage in Deutschland sei zu hoch. Man könne sich mit «exorbitanten» Krankenständen nicht abfinden.
Fazit
Für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte drohen mit der geplanten Attestpflicht ab Tag eins volle Wartezimmer und ein deutlicher Anstieg administrativer Kurzkontakte. Da der Krankenstand laut DIW vor allem durch Langzeiterkrankungen und psychische Diagnosen getrieben wird, dürften die Maßnahmen den Ressourcendruck in den Praxen erhöhen, ohne die Fehlzeiten wirksam zu senken.