Startseite Alle Beiträge Innere Medizin Hypothalamische Adipositas: Wenn das Sättigungssignal im Gehirn ausfällt
Hunger ohne Stopp-Signal

Hypothalamische Adipositas: Wenn das Sättigungssignal im Gehirn ausfällt

|von Stephanie Schikora

Rasche Gewichtszunahme, unstillbarer Hunger, kaum Sättigung – wenn nach Tumor, OP oder Trauma im Bereich des Hypothalamus die zentrale Steuerung der Nahrungsaufnahme kippt, greifen Diäten, GLP-1-Analoga und bariatrische Chirurgie oft zu kurz. Mit dem MC4R-Agonisten Setmelanotid steht erstmals eine gezielt zugelassene Therapieoption zur Verfügung. Die Erstattung bleibt allerdings ein ungelöstes Problem – die hypothalamische Adipositas gilt sozialrechtlich weiterhin als Lifestyle-Erkrankung.

Mann mit Übergewicht greift nachtszum Sandwich aus dem Kühlschrank-
Nächtliche Heißhungerattacken und fehlendes Sättigungsgefühl können auf eine hypothalamische Adipositas hinweisen. (© Andrei Armiagov/stock.adobe.com)

Jetzt kostenlos registrieren bzw. einloggen und den gesamten Artikel freischalten.

Der Kühlschrank um drei Uhr nachts. Ein Hunger, der nie aufhört. Und ein Gewicht, das trotz Diät weiter steigt. Was nach mangelnder Disziplin aussieht, kann eine handfeste neuroendokrine Erkrankung sein: die hypothalamische Adipositas. Bei diesem zahlenmäßig unterschätzten Krankheitsbild ist die zentrale Steuerung von Hunger und Sättigung geschädigt. Betroffene nehmen innerhalb kurzer Zeit massiv zu. Klassische Therapien greifen oft ins Leere. PD Ulrich Dischinger, Würzburg, sieht darin einen Beleg dafür, wie sehr das Verständnis von Adipositas neu justiert werden muss.

„Die hypothalamische Adipositas zeigt eindrücklich, dass Körpergewicht nicht primär eine Frage von Willenskraft oder Lebensstil ist, sondern stark von zentralnervösen Regelkreisen abhängt.“

— PD Dr. Ulrich Dischinger, Würzburg

Geschädigter Hypothalamus – orexigene Signale dominieren

Der Hypothalamus ist die zentrale Kommandoebene der Nahrungsaufnahme. Er verarbeitet Signale wie Inkretine, Insulin, Ghrelin und Leptin. Über den Nucleus arcuatus laufen zwei entgegengesetzte Neuronengruppen zusammen: Pro-Opiomelanocortin (POMC)-Neurone hemmen den Appetit. AgRP/NPY-Neurone treiben ihn an (AgrP: Agouti-related Peptid; NPY: Neuropeptide Y). Beide wirken über den Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R).

Wird der Hypothalamus geschädigt – etwa durch Kraniopharyngeome, OPs, Traumata oder Entzündungen – kann das Gleichgewicht kippen. Die orexigenen Signale dominieren. Die Folge: permanenter Hunger, unabhängig von den tatsächlichen Energiespeichern. „Physiologisch sind wir darauf programmiert, Nahrungsaufnahme danach zu regulieren, wie viel wir benötigen“, so Dischinger. Fällt diese Regulation aus, entsteht eine besonders therapieresistente Form der Adipositas.

Merke

Die hypothalamische Adipositas beruht auf einer Schädigung zentraler Steuerungsmechanismen – nicht auf Lebensstilfaktoren.

Diagnose: Der zeitliche Zusammenhang ist entscheidend

Die Klinik ist typisch. Nach der auslösenden Schädigung setzt eine rasche, oft massive Gewichtszunahme ein. Betroffene entwickeln eine ausgeprägte Hyperphagie. Das Sättigungsgefühl fehlt fast vollständig. Auffällig sind Verhaltensmuster wie nächtliches Aufstehen und Essen – ein Warnzeichen, denn Hunger stört den Schlaf normalerweise nicht.

„Wenn Patient*innen nach einer Schädigung des Hypothalamus rasch zunehmen und kaum Sättigung empfinden, muss an eine hypothalamische Adipositas als Teil eines komplexen hypothalamischen Syndroms gedacht werden“, betont Dischinger. Weitere Hinweise sind

  • auffällig niedrige Körpertemperaturen von 33 bis 34 °C aurikulär,
  • Schlafstörungen,
  • veränderte Angstregulation.

Dischinger geht von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Mindestens die Hälfte der Patienten mit hypothalamischer Schädigung entwickle eine solche Adipositasform. Viele würden fälschlich in die „Lifestyle“-Schublade geschoben.

Merke

Rasche Gewichtszunahme und Hyperphagie im zeitlichen Zusammenhang zu Tumor, OP, Trauma oder Entzündung im Bereich des Hypothalamus sind zentrale Diagnosekriterien. dolor sit amet…

Artikel kostenlos freischalten und weiterlesen

Erhalten Sie unbeschränkten Zugang zu exklusiven Artikeln auf Thieme Praxis. Registrieren Sie sich jetzt kostenlos mit wenigen Klicks – oder nutzen Sie Ihren bestehenden Thieme Account.


Mehr zum Thema