Semaglutid-Präparate werden zum Milliardenmarkt und verändern das Einkaufsverhalten – weniger Chips, Snacks und Softdrinks, mehr Obst, Gemüse und Protein. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach der oralen Darreichungsform in deutschen Apotheken zunächst verhalten, während die Kostenfrage weiter umstritten ist.
Abnehmspritze und Wegovy-Tablette: Wie GLP-1 Einkaufsverhalten und Ernährungsgewohnheiten verändert
Milliardenmarkt Abnehmspritze: Wirkstoff Semaglutid verändert Konsumverhalten
Die Abnehmspritze ist ein Milliardengeschäft. Dank rasant wachsender Einnahmen durch Blockbuster-Medikamente wie Ozempic und Wegovy stieg der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk zu einem von Europas wertvollstem Unternehmen auf. Novo Nordisks ärgster Konkurrent im Markt – die US-Firma Eli Lilly – ist das derzeit nach Börsenwert wertvollste Gesundheitsunternehmen der Welt.
Doch nicht alle Branchen rechnen mit sprudelnden Profiten durch abnehmende Menschen. Die Medikamente enthalten den Wirkstoff Semaglutid, der das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmt und beim Abnehmen hilft, indem er den Appetit zügelt und das Sättigungsgefühl steigert. Vor allem für den Lebensmittelhandel stellt sich deswegen die Frage, ob Millionen von Menschen bald weniger konsumieren.
Wird in Deutschland bald weniger gegessen?
Das ist zumindest möglich. Einer YouGov-Studie zufolge reduzierten 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem GLP-1-Nutzer ihre Einkaufsmengen innerhalb eines Jahres im Schnitt um drei Prozentpunkte stärker als Haushalte ohne Nutzer. Daraus ergebe sich für den Lebensmittelhandel ein möglicher Umsatzrückgang von rund 325 Millionen Euro jährlich.
Gemessen am gesamten Markt für Produkte des täglichen Bedarfs wäre der Effekt mit 0,16 Prozent zunächst überschaubar. Größer könnte er jedoch ausfallen, wenn in Zukunft immer mehr Menschen die Medikamente nutzen. Die Abnehmspritze ist seit etwa drei Jahren in Deutschland erhältlich. Ab diesem Herbst kommt das Medikament nun auch als Tablette in deutsche Apotheken. Bisher interessieren sich laut YouGov schon 2,8 Millionen Haushalte für eine Behandlung. Für 48 Prozent der Interessierten würde eine Tablette statt einer Spritze die Wahrscheinlichkeit zusätzlich erhöhen, mit einer Behandlung zu beginnen.
Zudem geben laut der Boston Consulting Group (BCG) 70 Prozent der GLP-1-Nutzer an, dass auch andere Mitglieder ihres Haushalts ihre Ernährungsgewohnheiten änderten. Dieser Effekt bedeute, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen deutlich größer ausfallen könnten als die reine Zahl der GLP-1-Nutzer zunächst vermuten lasse, sagt die Konsumgüterexpertin Karin von Funck von BCG.
Für eine Veränderung des Essverhaltens sprechen auch Angaben aus der Lebensmittelbranche. Der Tiefkühlkost-Hersteller Frosta etwa berichtet, dass sich kleinere Packungsgrößen derzeit überdurchschnittlich gut entwickelten. Das könne ein Hinweis auf bewusster portionierende Verbraucher sein, die nur so viel konsumieren, wie sie tatsächlich benötigen, lasse sich aber nicht eindeutig auf GLP-1-Medikamente zurückführen, so Frosta.
Verlierer und Gewinner im Einkaufswagen
Zu den großen Verlierern im Einkaufswagen könnten Chips, Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks zählen. In Deutschland ging die eingekaufte Menge an Kartoffel-Knabbergebäck pro Nutzer-Haushalt der YouGov-Studie zufolge um 25 Prozent zurück. 5 Prozent hörten sogar gänzlich auf, Chips zu kaufen. Auch bei Erfrischungsgetränken sanken die Mengen deutlich, Nutzer in den Niederlanden kauften etwa 30 Prozent weniger Eistee und 24 Prozent weniger fruchtige Erfrischungsgetränke. In Italien kauften GLP-1-Nutzer deutlich weniger Wein.
Gewinnen könnten hingegen gesündere Warenkategorien wie Obst, Gemüse oder auch proteinreiche Lebensmittel. Laut YouGov steigerten etwa italienische Kurzzeitnutzer der Medikamente ihre Ausgaben für Obst und Gemüse nach Beginn der Behandlung deutlich. In den USA, dem derzeit am weitesten entwickelten GLP-1-Markt, gaben Nutzer laut BCG rund 15 Prozent mehr Geld für Obst und Gemüse aus und 11 Prozent mehr für proteinreiche Lebensmittel.
«Mit der zunehmenden Verbreitung von GLP-1 in Deutschland erwarten wir, dass sich ähnliche Verschiebungen auch hierzulande zeigen werden», sagt von Funck. In Deutschland berichtet das Molkereiunternehmen Arla derzeit von einer stark anziehenden Nachfrage nach proteinreichen Milchprodukten. Der Hüttenkäse-Umsatz etwa sei im ersten Halbjahr überproportional stark um mehr als 40 Prozent gewachsen, bei Skyr verzeichnete das Unternehmen ein Plus von 62 Prozent.
Ausgaben: Weniger Menge, aber nicht weniger Geld
Nicht unbedingt sinken die Gesamtausgaben. Anders als YouGov kommt die BCG in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass GLP-1-Nutzer zwar weniger äßen, ihre Lebensmittelausgaben aber nicht reduzierten. Während die Ausgaben für klassische Genusswaren und Snacks zurückgegangen seien, habe ihre Nachfrage nach gesünderen, funktionalen und teilweise eben auch höherwertigen Produkten angezogen.
Die veränderten Konsumgewohnheiten hätten das Potenzial, Sortimentsstrukturen langfristig zu verändern, so von Funck. Mit steigender GLP-1-Nutzung dürfte sich der deutsche Lebensmittelhandel strukturell verändern. Für Händler und Hersteller sei es entscheidend, Sortimente und Packungsgrößen frühzeitig an die veränderte Nachfrage anzupassen.
Hersteller setzen auf Protein-Strategie
Potenziell besonders betroffene Hersteller von Snacks, Süßigkeiten oder Softdrinks wie Ferrero, Cola, Pepsi oder Mondelez antworteten nicht auf die Frage, ob sie auf veränderte Konsumgewohnheiten mit neuen Produkten reagieren würden oder planten, ihre Portionsgrößen entsprechend anzupassen.
Die Antwort vieler anderer Hersteller scheint zu lauten: Protein, Protein, Protein. Intersnack – der Hersteller hinter Marken wie funny frisch, Ültje oder Pom-Bär – reagiert beispielsweise mit Linsen-Chips, Ofen-Chips oder Protein-Chips, die zu mehr als 20 Prozent aus Proteinen bestehen sollen. Zudem solle künftig der Proteingehalt weiterer Produkte im Marketing stärker betont werden. Auch die Marke Dr. Oetker setzt nach eigenen Angaben künftig noch stärker auf Produkte mit einem hohen Protein- und Ballaststoffgehalt.
Das Molkereiunternehmen Arla betont allerdings, dass Nutzer von GLP-1-Medikamenten sich zwar Orientierung bei der Produktauswahl wünschten, aber nicht als spezielle Zielgruppe der GLP-1-Anwender herausgestellt werden wollen. «Nutzer möchten keine Sonderrolle einnehmen, sondern Teil der Gemeinschaft sein, die proteinreiche Ernährung bevorzugt», so Arla.
Viele Unternehmen gehen davon aus, dass eine breite gesellschaftliche Nutzung von GLP-1-Medikamenten nicht zwangsläufig völlig neue Bedürfnisse schafft, sondern eher bestehende Trends beschleunigt.

Abnehmtablette in Apotheken: Nachfrage bleibt zunächst verhalten
Einen Monat nach der Markteinführung der Abnehmtablette in deutschen Apotheken nehmen offenbar wenige Menschen das neue Angebot an. «Die ersten Rückmeldungen aus den Apotheken zeigen: Die Nachfrage nach den neuen, sogenannten Abnehmtabletten ist derzeit noch nicht so groß», sagte Apothekerpräsident Thomas Preis der Deutschen Presse-Agentur.
Die zunächst schwache Nachfrage sei zu erwarten gewesen, so Preis, denn viele Patientinnen und Patienten seien bereits auf die Spritze eingestellt. «Wenn umgestellt wird, wird das durch den Arzt gemacht und das wird dann erst nach und nach kommen.»
Die Spritze hat laut Preis mehrere entscheidende Vorteile: Sie müsse im Gegensatz zur täglich einzunehmenden Tablette nur einmal in der Woche angewandt werden. Bei der Tablette müssten Patienten zudem auch genau darauf achten, wie man sie einnehme. Man dürfe 8 Stunden vorher nichts essen und auch danach nicht sofort Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nehmen.
«Da überlegen sich schon manche, die gut eingestellt sind mit einer Spritze, ob sie jeden Tag eine Tablette mit diesen genauen Einnahmeregeln nehmen wollen oder nicht lieber einmal in der Woche eine Spritze», so Preis, der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). «Ich glaube, die Tablette ist eine gute Alternative für diejenigen, die eben wirklich nicht spritzen wollen oder eine Spritzenphobie haben».
Kostenübernahme durch Krankenkassen weiter umstritten
Die Wegovy-Tablette mit dem Wirkstoff Semaglutid ist seit dem 1. September 2026 in deutschen Apotheken erhältlich. Zugelassen ist das Mittel für Menschen mit Adipositas oder mit Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung.
Die Kosten liegen je nach Darreichungsform und Dosierung bei einigen Hundert Euro im Monat. Sie werden bislang nur bei Menschen mit Typ-2-Diabetes von den Krankenkassen übernommen. Ansonsten gelten Abnehmmittel in Deutschland als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel und sind keine Kassenleistung.
Allerdings wird über eine Kostenübernahme für bestimmte Patientengruppen diskutiert: Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschuss – der entscheidet, welche Leistungen gesetzlich Versicherte bezahlt bekommen – hatte sich offen für eine Kostenübernahme gezeigt. Die Chefin der AOK-Krankenkassen hatte hingegen vor zu hohen Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung gewarnt.
Fazit
GLP-1-Medikamente wie Wegovy und Ozempic verändern nicht nur das Körpergewicht, sondern perspektivisch auch Konsumgewohnheiten ganzer Haushalte. Bei adipösen Patientinnen und Patienten unter Semaglutid lohnt sich eine strukturierte Ernährungsberatung, die den veränderten Appetit, Proteinbedarf und die Umstellungsdynamik auf die orale Darreichungsform berücksichtigt. Die Debatte um die Kostenübernahme bleibt relevant – mit direkten Folgen für Verordnungsalltag und Patientengespräch.