Ein erhöhter Lipoprotein(a)-Wert steigert das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und pAVK erheblich – und bleibt dennoch oft unerkannt. Rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Zwei Experten erklären, warum eine einmalige Blutuntersuchung genügt und was aus einem auffälligen Befund folgt.
Lipoprotein(a): Warum der unterschätzte Blutwert das Herzinfarkt-Risiko verrät
Wie viel Lipoprotein(a) im Blut unterwegs ist, ist genetisch bedingt. Ernährung oder Bewegung können den Wert nicht beeinflussen. «Wahrscheinlich hatte Lipoprotein(a) einst eine physiologische Rolle, brachte vielleicht sogar einen evolutionären Vorteil, heute allerdings hat es keinen bekannten Nutzen», sagt Anja Vogt, Fachärztin für Innere Medizin und stellvertretende Vorsitzende der DGFL – Lipid-Liga. Im Gegenteil: Ein hoher Lipoprotein(a)-Wert ist keine gute Nachricht, denn der ist ein Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen.
«Zirkuliert zu viel davon im Blut, wird es genauso wie LDL-Cholesterin in die Arterienwände eingelagert. Kommen noch weitere Risikofaktoren dazu, wie beispielsweise Rauchen, verstärkt sich dieser Effekt.»
– Anja Vogt
Kardiovaskuläres Risiko: Herzinfarkt, Schlaganfall und pAVK
Folge dieser Ablagerungen in den Blutgefäßen ist ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und auch für die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). «Letztlich kann jede Arterie davon betroffen sein, zum Beispiel in der Niere, oder auch die Aortenklappe», so Vogt.
Lipoprotein(a) wirkt zudem entzündungsfördernd. Und: «Bei einem höheren Wert bilden sich schneller Gerinnsel und lösen sich langsamer auf», sagt Norbert Smetak, erster Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI).
Die Krankheitsverläufe sind allerdings sehr unterschiedlich, wie es von der Deutschen Herzstiftung heißt. Manche Menschen mit erhöhten Lipoprotein(a)-Werten erleiden schon in vergleichsweise jungen Jahren Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Andere bleiben lange ohne Beschwerden.
Grenzwerte und Risikoeinstufung im Überblick
Erst einmal muss man wissen, dass es zwei verschiedene Arten der Messung gibt, die nicht direkt vergleichbar oder umrechenbar sind. Norbert Smetak gibt einen Überblick:
- Der Normalwert liegt bei 30 mg/dl oder 75 nmol/l.
- Bei 30–50 mg/dl oder 75–105 nmol/l ist das Risiko moderat, darüber gehört man bereits zur Risikogruppe.
- Von einem sehr hohen Risiko sprechen Mediziner wie Smetak ab 180 mg/dl oder ab 430 nmol/l.
«Je höher der Wert, desto höher das Risiko.»
– Norbert Smetak
Allerdings spielen auch andere Blutwerte und der Gesundheitszustand an sich eine Rolle. «Vor allem in Kombination mit einem hohen LDL-Cholesterinwert oder Bluthochdruck erhöht sich die Chance auf beispielsweise einen Herzinfarkt», sagt Smetak. Für eine gute Risikoeinschätzung braucht es also den Blick aufs große Ganze – nicht nur auf das Lipoprotein(a).
Verbreitung erhöhter Werte in der Bevölkerung
Norbert Smetak: «Rund 20 bis 30 Prozent aller Menschen haben zu hohe Lipoprotein(a)-Werte – dieses Problem ist also keineswegs selten und betrifft viele Menschen.»
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Das hängt vom Einzelfall und dem medizinischen Hintergrund ab. Oft aber übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten – zum Beispiel dann, wenn es in der Familie bereits Herzinfarkte, Schlaganfälle und Co. gegeben hat.
In anderen Fällen muss der Test selbst bezahlt werden. Die Kosten liegen, je nach Labor, meist unter 25 Euro. Am besten bespricht man die Kostenfrage vorab mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.
Einmalige Bestimmung reicht in der Regel aus
Nein, einmal reicht in aller Regel. «Da die Größe des Lipoproteinpartikels zu großen Teilen genetisch bedingt ist, muss man ihn in der Regel nur einmal im Leben bestimmen lassen. So empfehlen es auch die Leitlinien» sagt Anja Vogt, Leiterin der Lipidambulanz am LMU-Klinikum in München
Lebensstil anpassen bei erhöhtem Lipoprotein(a)
Mit einem Schulterzucken zurücklehnen? In Fatalismus verfallen? Keine hilfreichen Strategien in so einer Situation. Denn sicher ist: Gerade bei einem hohen Lipoprotein(a)-Wert lohnt es sich, die Lebensführung anzupassen.
Oder konkreter gesagt: «Gesunde Ernährung, Verzicht auf Tabak und Alkohol, viel Bewegung und Muskeltraining sowie ein gesundes Körpergewicht verringern die Relevanz des Wertes enorm», erklärt Anja Vogt.
Therapieoptionen: Von der Lipidapherese bis zu neuen Medikamenten
Zurzeit gibt es noch kaum Möglichkeiten, den Lipoprotein(a)-Spiegel signifikant zu senken, sieht man von der Möglichkeit einer Lipidapherese ab. Das ist eine Art «Blutwäsche», die aber nur in Extremfällen angewandt wird, da sie sehr aufwendig ist.
Ist auch der LDL-Cholesterinwert erhöht, kommen Statine zum Einsatz, die diesen Wert – und damit auch das Gesamtrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – senken.
Allerdings gibt es auch Hoffnung auf neue medikamentöse Behandlungsmethoden, so Norbert Smetak: «Medikamente, die gezielt Lipoprotein(a) senken können, befinden sich in der letzten Phase klinischer Studien.»
Bis dahin gilt unbedingt: andere Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes und Bewegungsmangel möglichst minimieren und regelmäßig beim Arzt nachfragen, ob es neue Therapieoptionen gibt. Wer stark erhöhte Werte oder bereits Gefäßablagerungen hat, sollte besonders aufmerksam sein – und die Chance nutzen, aktiv an der eigenen Gesundheit zu arbeiten.
Fazit
Lipoprotein(a) ist ein bislang unterschätzter, genetisch determinierter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der bei 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung erhöht ist. Eine einmalige Bestimmung im Rahmen der hausärztlichen Diagnostik reicht in der Regel aus und ermöglicht eine bessere kardiovaskuläre Risikostratifizierung. Auch wenn spezifische Therapien noch in klinischer Prüfung sind, lassen sich durch konsequente Kontrolle weiterer Risikofaktoren die Folgen deutlich abschwächen.