Eine Nebenwirkung wird als neue Erkrankung missverstanden, ein weiteres Medikament verordnet und die Therapiespirale beginnt: Potenziell inadäquate Verordnungskaskaden gelten als wichtiger Treiber von Polypharmazie im Alter. Eine populationsbasierte Analyse hat jetzt 24 Verordnungskaskaden identifiziert, die im Praxisalltag besonders häufig und klinisch relevant sind. Das Wissen darüber kann helfen, unnötige Verordnungen frühzeitig zu erkennen und die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern.
Verordnungskaskaden bei Senioren: Die gefährliche Kettenreaktion im Medikamentenplan
Potenziell inadäquate Verordnungskaskaden (potentially inappropriate prescribing cascades; PIPC) entstehen, wenn ein Medikament eine Nebenwirkung auslöst, die nicht als solche erkannt wird. Stattdessen interpretiert der Arzt sie als neue Erkrankung – und verschreibt ein weiteres Präparat. So entsteht eine Kette, die sich immer weiter verlängern kann. Besonders ältere Menschen sind betroffen: Bei ihnen fördern solche Kaskaden die Polypharmazie, erhöhen die Therapielast, erschweren die konsequente Medikamenteneinnahme und erhöhen das Risiko für Krankenhauseinweisungen. 2025 hatte ein internationales Expertengremium in einem modifizierten Delphi-Verfahren 65 klinisch relevante PIPC zusammengestellt. Wie oft diese Muster im Praxisalltag tatsächlich vorkommen, war bislang jedoch kaum untersucht.
Merke
Jeder behandelnde Arzt sollte sich bewusst sein, welche Medikamente bei älteren Erwachsenen in seinem Versorgungsbereich besonders häufig eingesetzt werden – und damit rechnen, dass Verordnungskaskaden auch in der eigenen Praxis auftreten. Wer die typischen Kombinationen kennt, die solche Kaskaden begünstigen, und ein Gespür dafür entwickelt, wie wahrscheinlich sie sind, trifft fundiertere Entscheidungen – sowohl beim Verordnen als auch beim Absetzen von Medikamenten.
2,3 Millionen Senioren im Medikations-Check
Doch welche Verordnungskaskaden kommen im Praxisalltag tatsächlich am häufigsten vor – und welche sind so relevant, dass sie gezielt angegangen werden sollten? Um das herauszufinden, wertete eine Arbeitsgruppe um Paula A. Rochon, Toronto (Ontario; Kanada), Routinedaten aus der kanadischen Provinz Ontario aus: Sie berücksihtigen knapp 2,3 Millionen ältere Menschen, die zu Hause lebten und Anspruch auf staatliche Medikamentenleistungen hatten. Gut die Hälfte dieser Personen waren Frauen und fast 13% waren mindestens 85 Jahre alt.
Für jede der 65 bekannten PIPC prüfte das Team 3 Fragen:
- Wie verbreitet ist das auslösende Medikament in der Bevölkerung – mindestens 5 %?
- Wie oft folgt innerhalb eines Jahres tatsächlich ein Folgepräparat – mindestens 1 %?
- Lässt sich ein zeitlicher Zusammenhang zwischen beiden Verordnungen statistisch belegen?
Nur wenn alle 3 Kriterien erfüllt waren, galt eine Kaskade als vorrangig relevant.

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