Bereits nach einer Woche im Krankenhaus verlieren gebrechliche ältere Patienten spürbar Kraft und geistige Leistungsfähigkeit. Bewegung, gezielte Ernährung und kognitive Aktivierung sind zentrale Bausteine, um diesem gefährlichen Abbau wirksam entgegenzuwirken – und die Selbstständigkeit älterer Menschen zu erhalten.
So bleiben ältere Patienten trotz krankenhausassoziierter Dekonditionierung selbstständig
In einem Krankenhaus sollen Menschen eigentlich gesund werden. Doch gerade für ältere und schutzbedürftige Patienten kann der Aufenthalt selbst zum Risiko werden.
„Krankenhausassoziierte Dekonditionierung ist ein großes Problem: Sie wird durch eine Kombination von Faktoren verursacht, die mit der Erkrankung selbst, verminderter körperlicher Aktivität, der Ernährung und der Gestaltung der Umgebung in vielen Krankenhäusern zusammenhängen.“
— Dr. Carly Welch, London (UK)
Die Geriaterin vom King’s College London beschäftigt sich mit der Frage, wie dieser Abbau frühzeitig verhindert werden kann. Ihre zentrale Botschaft: Krankenhäuser müssen nicht nur Krankheiten behandeln, sondern zugleich aktiv dafür sorgen, dass ältere Menschen ihre Selbstständigkeit möglichst erhalten.
Keynote Lecture
Freitag, 25. September 2026, 16 Uhr
Beyond the hospital bed: New insights into Hospital-Associated Deconditioning
Dr. Carly Welch
Gemeinsamer Jahreskongress DGGG & DGG | Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M. | Campus Westend | Hörsaal 3 | www.gerontologie-geriatrie-kongress.org
Muskelabbau binnen einer Woche: Klinik selbst wird zum Risiko
Der Begriff Dekonditionierung klingt zunächst nach einem vorübergehenden Verlust an Fitness. Für ältere Menschen, die bereits gebrechlich sind, sind die Folgen allerdings gravierend: Schon innerhalb einer Woche nach einer Krankenhauseinweisung kann sich bei einem Teil der zuvor nicht sarkopenen älteren Patienten ein rascher Verlust von Muskelmasse, -qualität oder -kraft entwickeln.
„Wir müssen Dekonditionierung als ganzheitliches Syndrom verstehen. Wenn Muskelkraft und Beweglichkeit nachlassen, sind häufig auch kognitive Funktionen betroffen.“
— Dr. Carly Welch, London (UK)
Der geistige Abbau kann von einer verlangsamten Verarbeitung von Informationen bis hin zum ausgeprägten Delir reichen. Hinzu kommen mögliche Folgen wie Stürze, Kreislaufprobleme, Verstopfung, Inkontinenz oder Druckgeschwüre. Die Auswirkungen können weit über die Entlassung hinausreichen und die Selbstständigkeit dauerhaft beeinträchtigen.
Bewegung, Ernährung und geistige Aktivierung – einfache Gegenmittel
Was lässt sich dagegen tun? Eine wichtige Antwort sieht Welch im sogenannten Frailty Care Bundle. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Bereiche: Bewegung, Ernährung sowie kognitive und soziale Aktivierung. Ältere Menschen sollten möglichst früh wieder mobilisiert werden, individuelle tägliche Bewegungsziele erhalten und ausreichend Energie und Eiweiß aufnehmen. Ebenso wichtig sind regelmäßige Delir-Screenings, Tageslicht und geistige Anregung – etwa durch Gespräche, Lesen oder Spiele. Entscheidend sei dabei, diese Maßnahmen nicht als einzelne Zusatzangebote zu verstehen, sondern in den Alltag der Station zu integrieren.
Interdisziplinäre Teams und digitale Tools sind Schlüssel zum Erfolg
Damit das gelingt, braucht es mehr als einzelne engagierte Mitarbeiter. Ärztlicher Dienst, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Ernährungsteams und weitere Berufsgruppen müssen an einem Strang ziehen. Auch die Patienten selbst sollten aktiv einbezogen werden.
„Wir können die Folgen eines Krankenhausaufenthalts nur dann nachhaltig reduzieren, wenn wir interdisziplinär arbeiten, in der klinischen Praxis genauso wie in der Forschung.“
— Dr. Carly Welch, London (UK)
Gerade hier sieht Welch großes Potenzial: Neue Trainingskonzepte, digitale Anwendungen und intelligente technische Systeme könnten künftig helfen, gefährdete Patienten früher zu erkennen und Interventionen individueller anzupassen. Die Herausforderung für die moderne Geriatrie lautet: Nicht nur Krankheiten behandeln, sondern vermeidbaren Abbau während eines Krankenhausaufenthalts verhindern!