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Prävention mit enormem Potenzial

Vier von zehn Krebsfällen könnten verhindert werden – jetzt wächst der Druck auf die Politik

|von Redaktion Thieme Praxis

Rund 40 % aller Krebsneuerkrankungen wären vermeidbar – doch Deutschland schöpft dieses Potenzial bislang kaum aus. Der 2. Nationale Krebspräventionsgipfel von Deutscher Krebshilfe und DKFZ benennt nun 6 konkrete Handlungsfelder und formuliert klare Erwartungen an die Politik – von höheren Tabak- und Alkoholsteuern bis zu einer bundesweiten Präventionsdekade.

Ärztin im weißen Kittel mit Stethoskop hält eine Tafel mit Begriffen zur Krebsprävention und einem gesunden Lebensstil – darunter Bewegung, Ernährung, Sport, Stressminderung und Entspannung – und zeigt den Daumen nach oben
Bewegung, Ernährung und Stressminderung zählen zu den zentralen Lebensstilfaktoren, die laut Nationalem Krebspräventionsgipfel systematisch gestärkt werden sollen. (© HNFOTO/stock.adobe.com)

Vier von zehn Krebserkrankungen wären vermeidbar – ein Präventionspotenzial, das in Deutschland bislang kaum ausgeschöpft wird. Genau hier setzt der jetzt veröffentlichte Ergebnisbericht des 2. Nationalen Krebspräventionsgipfels an. Deutsche Krebshilfe und Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) formulieren darin konkrete Erwartungen an die Politik – und sehen erstmals seit Langem realistische Chancen auf strukturelle Veränderungen.

Kernaussagen

  • Etwa 40 % aller Krebsneuerkrankungen sind laut wissenschaftlicher Datenlage vermeidbar – das Präventionspotenzial wird bislang nicht ausgeschöpft.
  • Sechs Handlungsfelder stehen im Zentrum: ressortübergreifende Verankerung, Skalierung erfolgreicher Modellprojekte, Schulen als Präventionsorte, lokale Strukturen, ökonomische Evidenz und Verhältnisprävention.
  • Tabakkonsum verursacht in Deutschland jährlich rund 30 Milliarden Euro Gesundheitskosten – Steuererhöhungen gelten als bewährte Lenkungsmaßnahme.
  • Politische Signale wie der neu gegründete „Parlamentskreis Prävention“ und die Präventionsoffensive des BMG werden als Rückenwind gewertet.
  • Deutsche Krebshilfe und DKFZ fordern eine langfristig angelegte „Präventionsdekade“.

„Wir wissen heute so viel wie nie zuvor darüber, wie Krebs verhindert werden kann. Aber wir schaffen es noch nicht, dieses Wissen umzusetzen“, so Prof. Rita Schmutzler, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Prof. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, ergänzt: „Jetzt müssen die politischen und strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, um dieses Wissen konsequent in die Praxis zu überführen.“

Die Agenda für weniger Krebs

Im Zentrum des Gipfels standen 6 Handlungsfelder. Die Fachleute empfehlen,

  • Prävention ressortübergreifend politisch zu verankern,
  • Erfahrungen aus erfolgreichen Modellprojekten bundesweit nutzbar zu machen,
  • Schulen stärker als Präventionsorte einzubeziehen,
  • lokale Präventionsstrukturen auszubauen,
  • den volkswirtschaftlichen Nutzen von Prävention systematisch sichtbar zu machen und
  • die sogenannte Verhältnisprävention, also die Implementierung von Maßnahmen, die gesundheitsbewusstes Verhalten strukturell erleichtern.

Letzteres ist ein besonders wirksamer Hebel: Tabak und Alkohol gelten als bedeutende modifizierbare Risikofaktoren zahlreicher Tumorentitäten, werden in Deutschland jedoch deutlich niedriger besteuert als in vielen europäischen Nachbarländern. Prof. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, bezifferte allein die durch Tabakkonsum verursachten jährlichen Kosten im Gesundheitswesen auf 30 Milliarden Euro – aus seiner Sicht ein starkes Argument für steuerliche Lenkungsmaßnahmen. Das Potenzial, das damit ausgeschöpft werden könnte, wäre – wie schon erwähnt enorm: 40% aller Krebserkrankungen ließen sich durch konsequente Präventionsmaßnahmen vermeiden.

Rückenwind aus Berlin: Prävention rückt auf die politische Agenda

Auf der Veranstaltung wurde deutlich, dass Krebsprävention derzeit auf wachsendes politisches Interesse trifft. Johannes Wagner, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), kündigte damals die Gründung eines fraktionsübergreifenden „Parlamentskreises Prävention“ an; dies wurde bereits Ende Juni 2026 umgesetzt. Kurz darauf startete das Bundesgesundheitsministerium eine Präventionsoffensive.

Deutsche Krebshilfe und DKFZ werten diese Entwicklungen als wichtige Signale, warnen aber vor Aktionismus: Punktuelle Modellvorhaben reichten nicht aus. „Jetzt braucht es den politischen Willen, Prävention konsequent und langfristig zu stärken“, so Schmutzler.

Investition in die Zukunft: Die geforderte Präventionsdekade

Vor dem Hintergrund steigender Kosten im Gesundheitssystem argumentiert Baumann ökonomisch: „Wer Prävention fördert, senkt nicht nur das Risiko für Krebs und viele weitere nichtübertragbare Krankheiten, sondern entlastet langfristig auch das Gesundheitswesen und die sozialen Sicherungssysteme.“ Gefordert wird eine „Präventionsdekade“, die Präventionskonzepte wissenschaftlich weiterentwickelt und systematisch in die Anwendung überführt. Getragen wird die Initiative vom Nationalen Krebspräventionszentrum, einer strategischen Partnerschaft von DKFZ und Deutscher Krebshilfe, deren Aufbau mit 25 Millionen Euro gefördert wird.

Fazit: Prävention als strategische Aufgabe der Onkologie

Für die onkologische Versorgung sind die Ergebnisse des Krebspräventionsgipfels von unmittelbarer Bedeutung: Wenn tatsächlich 40 % aller Krebsneuerkrankungen vermeidbar sind, entlastet konsequente Verhältnisprävention – etwa über Tabak- und Alkoholbesteuerung – mittelfristig auch die zunehmend belasteten onkologischen Strukturen. Prävention gehört damit ins Aufklärungsgespräch, insbesondere bei Risikopatientinnen und -patienten. Zugleich lohnt sich fachpolitisches Engagement – der aktuelle politische Rückenwind eröffnet ein Zeitfenster, das Onkologinnen und Onkologen aktiv mitgestalten sollten.


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