Wenn Potenzpillen im Darknet florieren, Nobelpreise als Pferdeentwurmung enden und Pharmafusionen Jobs kosten wie Kopfschmerztabletten Hirnzellen, dann ist klar: Die Branche steht nicht unter Dauererektion. Eine Kolumne über impotente Hersteller, potente Illusionen und den letzten Rest Hoffnung im Blister.
Impotente Pharmahersteller
Um es mit Heidi Reichinek zu sagen: Das Problem sind Männer. Warum? Weil Erektionsstörungen bzw. Medikamente dagegen offenbar einen Löwenanteil an heiß begehrten, illegal geschmuggelten Arzneien ausgemacht haben, die Interpol nun bei einer Razzia gegen die organisierte Pillen-Mafia sichergestellt hat. Bei den Besteller-Ländern waren neben Australien und Kolumbien auch die Briten dabei. Und, wenn das Bestellformular in Australien und Großbritannien schon ausgefüllt wurde, dann wurden offenbar auch gleich Anti-Parasiten-Medikamente mitbestellt. Ivermectin und Fenbendanzol, um genau zu sein.
Ivermectin hat ja vor nicht allzu langer Zeit hohe Wellen geschlagen, als es zum Pferdeentwurmer herabgewürdigt und ihm sämtliche Wirksamkeit gegen Corona abgesprochen wurde. Da hatte ich schon ein bisschen Mitgefühl mit dem fermentierten Streptomyces avermitilis, immerhin hat er erst 2015 den Nobelpreis eingesackt. Aber halt aufgrund seiner Wirksamkeit gegen Parasiten. Und eben nicht, wie es derzeit wohl gehandelt wird, als Krebsmittel. Aber hey, man hat auch Pferde kotzen sehen und möglicherweise wirkt es ja gegen Krebs. Aber bis diese Studien existieren, um die Unbedenklichkeit und Einsatzfähigkeit von Ivermectin gegen Krebs zu belegen, gehen mindestens noch Jahre der Forschung ins Land.
Warum Forschung jetzt mit Massenentlassungen einhergeht
A propos Forschung: Haben Sie mitgekriegt, dass das Tübinger Unternehmen Curevac vom Goldgruben-Unternehmen Biontech gekauft wurde? Sie wissen schon, die haben das (Pferde)Rennen um den Impfstoff gegen das große C an das Mainzer Projekt Lightspeed verloren. Die wurden jedenfalls erst im Januar aufgekauft und – wie zumindest der Curevac-Firmengründer Hoerr sagt – auch schon verraten. Oder, um politisch zu bleiben, mit den Worten Boris Remstalrebell Junior Palmers: Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht! Mehr als 800 Arbeitsplätze wackeln und stürzen wohl sehr bald, eine bittere Pille für den Pharmastandort Tübingen [Tübinga], denn insgesamt 1.860 Stellen könnte die feindliche Übernahme bis 2027 kosten. Friendly Fire der besonderen Art.
Patentstreitigkeiten sind’s wohl, auf die Biontech keinen Bock hat. Sagt zumindest Hoerr. Die Aussage der Mainzer lautet dagegen, dass sie sich von der Fusion mehr Wissen auf dem Weg zu Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs erhoffen. Wie das mit dieser Massenentlassung zusammenpasst, hab ich noch nicht so ganz verstanden. Aber gut, bis dann alle Streitigkeiten behoben und alle Mitesser entlassen sind, wird es wahrscheinlich noch ein bisschen dauern mit den Heilmitteln gegen Krebs.
Solange fehlt’s auf dem Markt – insofern ist es, wie wir Schwaben sagen, scheißele [net so gschickt], wenn Kranke in verzweifelter Hoffnung auf Heilung auf eigene Faust im darken Web Medikamente bestellen. Und dann vielleicht Rattengift kriegen, das verträgt sich mit dem Blutverdünner nicht so. Und wirkt auch potenziell letal. Immerhin sind jetzt erstmal 6,4 Millionen gefälschte Medikamente vom Markt. Mein Mitgefühl gilt an dieser Stelle den Männern mit den Erektionsstörungen – die jetzt um das Gespräch beim Arzt nicht mehr drumrum kommen.