Die alternde Gesellschaft verändert die Rheumatologie grundlegend. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen werden häufiger bei älteren Menschen diagnostiziert oder begleiten Betroffene bis ins hohe Lebensalter. Aber auch bzw. insbesondere im hohen Alter gefährden unkontrollierte Entzündungen nicht nur Gelenke, sondern auch Herz, Gefäße und Selbstständigkeit. Leitlinien empfehlen deshalb auch im hohen Alter eine konsequente, risikoadaptierte Therapie sowie eine strukturierte Prävention kardiovaskulärer Begleiterkrankungen.
Älter, multimorbide, entzündet – eine Herausforderung für Rheumatologen und Hausärzte
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Die Rheumatologie wird älter – aus 2 Gründen: Zum einen erreichen Menschen mit früh diagnostizierten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen dank moderner Therapien heute häufiger ein hohes Lebensalter. Zum anderen treten Krankheitsbilder wie Polymyalgia rheumatica und Riesenzellarteriitis nahezu ausschließlich jenseits des 60. Lebensjahres auf und werden mit der demografischen Entwicklung häufiger.
„Ein Viertel der Deutschen ist mittlerweile über 65 Jahre alt – Tendenz steigend“, betonte Prof. Jan Leipe, Kiel, im Rahmen des Deutschen Rheumatologiekongresses in Leipzig. Alter sei dabei keine bloße Begleitvariable, sondern verändere über Immunseneszenz, „Inflammaging“ und reduzierte Gewebereparatur die gesamte Therapiesituation [1].
Nicht jeder Gelenkschmerz ist Arthrose
Die diagnostische Zwickmühle beginnt in der hausärztlichen Praxis: Verschleißerscheinungen ab der 3.–4. Lebensdekade führen zu Gelenkschmerzen, die eine entzündliche Genese überdecken können – umgekehrt drohen degenerative Beschwerden vorschnell als aktive Rheumaerkrankung fehlinterpretiert zu werden. Leipe nannte klare Red Flags:
„Wenn Patienten über Gelenkschwellungen oder Morgensteifigkeit klagen, wenn sich Gelenke wie eingemauert anfühlen, wenn Patienten über mehrere Stunden abgeschlagen sind, Gewicht verlieren – dann sind das Warnsymptome, die man ernst nehmen sollte.“
— Prof. Dr. Jan Leipe, Kiel
Auch systemische Zeichen wie durchnässtes Nachtgewand, grippeähnliche Symptomatik über Wochen oder neu aufgetretene Kopfschmerzen, Kau- oder Sehstörungen müssen aufhorchen lassen – Letztere wegen des Verdachts auf eine Riesenzellarteriitis unverzüglich. Bei über 100 rheumatologischen Krankheitsbildern sind Gelenkbeschwerden nur ein Teil des Spektrums; Blutgefäße und Organe können ebenso betroffen sein [1].
Alter ist kein Grund für Unterbehandlung
„Hohes Alter allein ist kein Grund für eine Unterbehandlung“, stellte Leipe klar. Denn eine unkontrollierte Entzündung ist keineswegs harmlos: Sie schädigt Organe, begünstigt den Abbau von Muskelmasse und Funktionsreserven, gefährdet die Selbstständigkeit der Betroffenen und erhöht das kardiovaskuläre Risiko erheblich. Metaanalysen zufolge liegt das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse bei rheumatoider Arthritis (RA) rund 55% über dem der Allgemeinbevölkerung – vergleichbar mit einem Typ-2-Diabetes mellitus. In Phasen aktiver Krankheitsschübe steigt es nochmals an, während Patienten in Remission deutlich günstigere Verläufe zeigen [2, 3]. Beim systemischen Lupus erythematodes ist das Risiko schwerer kardiovaskulärer Ereignisse sogar annähernd verdoppelt.
Die richtige Konsequenz sei daher nicht „weniger Therapie“, sondern eine präzisere Therapie: rasche und konsequente Entzündungskontrolle, frühzeitige glukokortikoidsparende Strategien und eine Auswahl der Medikamente nach individuellem Risiko. Wird die Erkrankung optimal – also leitliniengerecht – behandelt, erreicht die Lebenserwartung nahezu die der Gesamtbevölkerung. Mit anderen Worten: Wer die Entzündung kontrolliert, schützt nicht nur die Gelenke, sondern auch das Herz.
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